Corona-Pandemie: Der Tag, an dem die Münchner unvorsichtig wurden

Die eine Gruppe der Münchner, noch die Mehrheit, hält sich vorbildlich an die Abstandsregeln. Die andere Gruppe umso weniger. Und die zweite Gruppe wird größer.

Der deutsche Top Virologe Drosten hat kürzlich klargemacht, wie leicht die Ansteckung mit dem Coronavirus über die Luft vonstatten gehen kann. Er berichtete von zwei Personen in einer Kantine, die Rücken zu Rücken gegenüber saßen. Der eine drehte sich um und ließ sich den Salzstreuer reichen, dabei kam es über die Luft offensichtlich zur Übertragung des Virus. Dies reichte aus, um sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Aus diesem Grund darf man in Bayern und Deutschland zwar nach draußen gehen, man muss aber die Abstandsregeln einhalten. Mindestens 1,50 m Abstand, besser 2m.

Heute ist schönes Wetter in München, gut 20 Grad, es zieht viele Münchner nach draußen. Wir gehen in den Olympiapark.

Viele Leute sind heute draußen, sie dürfen es auch sein, sie dürfen spazieren gehen und Sport treiben, sofern sie allein unterwegs sind oder ausschließlich mit denjenigen Menschen, mit denen sie im selben Haushalt wohnen.

Unsere etwas unselige Erfahrung des heutigen Tages beginnt mit einem älteren Herrn auf einem Fahrrad, der eine Lederhose trägt und graues flatterndes Haar hat. Viel zu dicht fährt der an uns vorbei, obwohl der Weg breit ist. Vielleicht 1 m Abstand, vielleicht weniger. Ich überlege mir, ob ich ihm etwas hinterherrufen soll, ich lasse es aber.

Wir haben uns angewöhnt, wenn Leute zu dicht an uns vorbeigehen, automatisch die Luft anzuhalten, solange, bis der Luftstoß, der ihnen folgt, einigermaßen verzogen ist. Auf diese Weise wollen wir vermeiden, das Aerosol oder die Tröpfchen einzuatmen, die der jeweilige Mensch gerade ausgeatmet hat.

So machen wir es bei diesem Bayern in Lederhose, der da auf dem Fahrrad so dicht vorbeifährt. Er soll aber nicht der Einzige bleiben. Etwa 15 derartige Fälle müssen wir heute wahrnehmen. Und wir waren nur zwei Stunden draußen.

Es sind beispielsweise noch drei weitere Leute, die beim Joggen sind, eine Frau vielleicht, zwei Männer, vielleicht sind es aber auch mehr Leute, die viel zu dicht an uns vorbei joggen. Wann immer wir können, weichen wir aus.

Wir sind auf einem breiten Weg unterwegs, wir ganz rechts, die anderen Leute ganz links. Mittendrin fährt ein Fahrradfahrer hindurch, viel zu nah an uns allen. Warum wartet er nicht kurz?

Auf einem breiten Weg kommt uns eine Familie entgegen, drei oder vier Personen. Man würde sich denken, sie würden ausweichen, sodass wir alle gemeinsam mit genug Sicherheitsabstand aneinander vorbeigehen können. Pustekuchen. Niemand weicht aus. Wir weichen auf den Grünstreifen aus.

Zwei Herren im Alter zwischen 25 und 30 kommen hinter uns her, untereinander vielleicht 1 m Abstand, vielleicht wohnen sie ja zusammen. Sie machen überhaupt keine Anstalten, auszuweichen, wir weichen auf den Grünstreifen aus.

Wir sind immer noch auf einen recht breiten Weg unterwegs. Wir befinden uns ganz rechts. Ich hatte mich kurz umgedreht und bemerkte, dass eine Familie beim Joggen unterwegs ist. Ich halte meinen Arm links ein wenig ausgestreckt, nicht wirklich waagerecht, vielleicht 45° nur, um anzudeuten, dass man doch bitte Abstand halten möge. Der Vater, der offensichtlich mit seiner Frau und seinem Sohn an uns vorbei joggt, Sie ahnen es, hält einen Meter Abstand höchstens und lässt es sich nicht nehmen, nachdem er uns überholt hat, zu seinem etwa 10 jährigen Sohn spöttelnd über mich zu sagen: „Der übt gerade fliegen!“

Ich rufe hinterher: „Nein, der hält Abstand!“ Bisher hatte ich noch nie jemandem hinterher gerufen.

Auf dem Rückweg nach Hause warte ich auf einem sehr breiten Gehweg, er ist vielleicht drei Meter breit. Eine Frau fährt auf ihrem Rad sehr eng an mir vorbei, vielleicht 80cm, obwohl sie allen Platz der Welt hätte. Ich fasse mir jetzt doch ein Herz und rufe hinterher: “ Abstand halten, bitte!“ Sie dreht sich um und ihrer Miene nach denkt sie vermutlich: was für ein Spinner.

Der Spinner jedoch bin nicht ich.

Die Sache fing aber vielleicht gestern schon an. Wir fuhren nachmittags gegen 16 Uhr mit dem Fahrrad an Jugendlichen vorbei, die mit dem Skateboard eine Rampe hinauf und hinunter fuhren. Als wir gegen 18 Uhr dort wieder vorbeikamen, fuhren sie immer noch ihre Rampe hinauf und hinunter, immer noch mehrere Jugendliche, vier oder fünf Leute. Erlaubt ist das nicht.

Die Spielplätze in München sind gesperrt. Das hindert aber manche Kinder nicht, sich in den Innenhöfen zu tummeln. Nicht dauernd, nicht immer, aber doch immer wieder.

Nicht jeder hat offensichtlich verstanden, um was es gerade geht. Aus wirtschaftlicher Sicht geht es um die größte Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Und aus medizinischer Sicht geht es ebenfalls um die größte Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges. es kann eine humanitäre Katastrophe daraus werden. Man braucht eigentlich kein Intellektueller zu sein, um das Ausmaß der Krise verstehen zu können.

Eine unangenehme Reminiszenz beschleicht mich in Gedanken. Die Deutschen hatten ja früher zu einer unseligen Zeit auch schon mal behauptet, sie hätten gewisse unselige Entwicklungen in der Gesellschaft ja nicht ahnen können. Werden sie das in ein paar Monaten dann wiederholen und es wieder behaupten?

Aber es weiß doch jeder, um was es aktuell geht. Jeder weiß bescheid.

Es kann sich keiner rausreden später, er hätte es nicht gewusst. Keiner. Und falls immer mehr Leute sich in dieser Art und Weise rücksichtslos verhalten sollten, könnte es sein, dass die Krise noch sehr lange dauert, unnötig viele Menschenleben kostet und die Wirtschaft ruiniert.

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