Kürzlich stand ein kleines Mädchen vor unserer Tür, die Tochter von Nachbarn, um sich nach einem Paket zu erkundigen, das wir für die Nachbarn angenommen hatten. Das Mädchen grinste mich an und fragte: kann ich das Paket…?
Nun ist natürlich nicht ganz klar, wie der Satz zu Ende geht, fehlt doch das Prädikat.
Er könnte alles mögliche heißen. Ein wenig unklar, was sie mit dem Paket machen wollte. Wollte sie sagen: „kann ich das Paket wegschmeißen?“ Aber wie könnte sie dies, wenn ich es ihr noch gar nicht ausgehändigt habe? „Kann ich das Paket einmal ansehen?“ Klar, würde ich ihr durchaus zeigen. „Kann ich das Paket zurückschicken?“ Ja, Mädchen, aber willst du nicht erstmal reinschauen? „Kann ich das Paket zertreten und drauf herumhüpfen?“ Mädchen, ich weiß nicht, was deine Eltern dazu sagen würden.
Ich entschied mich dann dafür, zu glauben, dass sie das Paket mit dem Verb „haben“ beenden wollte und drückte es ihr einfach in die Hand.
Allerdings muss man sagen, dass dieses kleine Mädchen bewusst oder unbewusst, man weiß es ja nicht, sich durchaus in rhetorisch anspruchsvoller Tradition auszudrücken wusste, findet man doch bereits in der von Vergil vor gut 2000 Jahren geschriebenen Aeneis, dem römischen Nationalepos für Kaiser Augustus, eine Episode, in welcher der Gott der Winde, Aeolus, all den anderen Winden, die ihm gewissermaßen ein wenig auf der Nase herumhüpfen, Einhalt gebieten will, indem er rhetorisch drohend das Stilmittel des Anakoluths wählt und somit mitten im Satz abbricht: „Quos ego…!“ – „Euch werde ich…!“.
Ja, diese jugendliche Sprache wirkt nur auf den ersten Blick so banal. In Wirklichkeit fußt sie auf jahrtausendealter literarischer Tradition. Wenn besagtes Mädchen also wieder einmal vor der Tür steht und fragt: „Kann ich das Paket…?“ , werde ich literarisch gebildet adäquat mit einem Anakoluth antworten: „Du kannst mich mal…!“



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