Veränderung kommt nur, wenn wir mit der momentanen Situation unzufrieden sind. Das ist eine wichtige Erkenntnis, wenn wir lernen und weiterkommen wollen. Die zweite wichtige Erkenntnis ist, dass nichts sich von selbst verändert. Alles, was sich ändert ist auf jemanden zurückzuführen, der mit einem Zustand unzufrieden war, sich ein Herz gefasst hat und etwas verändert hat. Mit Buber gesprochen: “der archimedische Punkt, von wo aus ich an meinem Orte die Welt bewegen kann, ist die Wandlung meiner selbst”[1] Wenn ich Veränderung herbeiwünsche, muss ich nach Kräften bemüht sein, sie herbeizuführen und kann mich nicht in einen Wartezustand versetzen und abwarten, bis die Situation sich von selbst ändert, Erweckung kommt, die Konjunktur aufschwingt usw. Die Kraft zur Veränderung kommt wiederum aus Unzufriedenheit, diese ist der Motor aller Entwicklung. Wer mit allem zufrieden ist, wird nichts ändern und keine Spuren hinterlassen.
Unzufriedenheit wird oft als etwas allzu Negatives angesehen, was sie zweifellos auch ist, wenn sie nicht durch Dankbarkeit ausbalanciert wird, denn dann schlägt sich sich oft nur in meckern nieder. Sieht man aber Unzufriedenheit als Motor der Veränderung (lies: Verbesserung), dann wird es auf einmal wünschenswert unzufrieden zu werden.
Unzufriedenheit kommt daher – und kann so hergestellt werden – dass die Denk- und Lebensweise, die wir haben auf einmal nicht mehr schlüssig ist. Es fällt etwas auf, etwas wird uns blitzartig klar und wir fühlen uns nicht mehr “wohl in unserer Haut”. Das Singleleben, das man eine zeitlang genossen hat wird unangenehm. Die Theologie, die man seit Jahren vertreten hat, bekommt Risse, scheint im Lichte einer neuen Erkenntnis Gottes keinen Sinn mehr zu ergeben. Es kommt zu einem Widerspruch in Leben und Denken. Der Mechanismus ist immer derselbe: etwas alltägliches, was man als Gegebenheit bisher hingenommen und nie hinterfragt hat, wird unannehmbar. Diese Unannehmbarkeit macht sich zuerst in Unzufriedenheit bemerkbar.
Man kann mit dieser Unzufriedenheit verschieden umgehen:
1) man kann den Widerspruch als “Zufall”, “Messfehler”, “höhere Gewalt” deklarieren und sich so darum herumdrücken, ihn “erklären” zu müssen: Zufälle müssen nicht erklärt werden, weil sie die Lebens- und Denkordnung nicht gefährden.
2) man kann sich den Widersprüchen durch Realitätsflucht entziehen.
3) man kann die Widersprüche “erklären” (=harmonisieren). Das ist es, was ich als lernen bezeichne. Ich gehe davon aus, dass man nicht mit dauerhaft mit Widersprüchen leben kann. Jedes System, egal ob theologisch, oder einfach nur unser Denken, ist auf Harmonie ausgerichtet. Man will, dass die “Dinge stimmen” und kann mit logischen Brüchen nicht auskommen. Alle wichtigen menschlichen Fragen sind letztlich Fragen der Art: “wie kann es sein dass, …. wenn….?”. “Wenn du mich liebst, wie kannst du vergessen haben, mich von Bahnhof abzuholen?”. “Wenn es einen allmächtigen Gott gibt, wieso gibt es dann das Leid in der Welt?” – Zwei Dinge passen (augenscheinlich) nicht zueinander und wir erklären (=harmonisieren) den Widerspruch und haben auf dem Weg etwas Neues gelernt.
Als Newton die Gravitation “entdeckte” war das unscheinbare auslösende Moment ein herunterfallender Apfel (zumindest will es so die Legende). Es war der zigmilliardenste Apfel, der vom Stamm gefallen war, aber der erste, der dazu anregte, sich Gedanken darüber zu machen, warum er fällt. Die meisten Menschen machen sich darüber keine Gedanken; fallende Äpfel sind Teil ihres Alltags über den sie sich keine Gedanken machen. Dass es Newton auf einmal unwahrscheinlich erschien, dass so etwas passiert regte ihn dazu an sich so lange Gedanken zu machen bis er das Prinzip dahinter erklären konnte. Er war unzufrieden mit der landläufigen Erklärung “ist halt so”.
Ich trete seit je für mehr konstruktive Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben ein. Die Uhr geht nicht mehr wenn die Unruh kaputt ist – Entwicklung gibt es nicht wenn Unzufriedenheit fehlt. Also lasst uns dankbar sein für das, was wir haben, aber lasst uns auch die Unzufriedenheit zulassen, die uns vorantreibt!
- Martin Buber: der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre, Gerlingen 1994, Klappentext ↩



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