Wie woke ist Gott?

Es ist eine der tiefsten theologischen Einsichten, dass die Fülle der Schöpfung kein additives Beiwerk ist, sondern ein notwendiger Spiegel der göttlichen Unendlichkeit. Wenn wir die unüberschaubare Vielfalt der Arten, Kulturen, Identitäten und Lebensformen betrachten, blicken wir nicht auf ein Chaos, sondern auf die „Artikulation Gottes“ in der Materie und im Geist.

​1. Die Vielfalt als theologische Notwendigkeit (Thomas von Aquin)

​Bereits im Mittelalter erkannte Thomas von Aquin, dass ein einzelnes Geschöpf niemals ausreichen könnte, um die Güte Gottes darzustellen. Gott schuf die Vielheit, damit das, was dem einen fehlt, durch das andere ergänzt wird.

​„Denn da die göttliche Güte durch eine einzige Geschöpfart nicht genügend dargestellt werden konnte, hat Gott viele und verschiedene Arten von Dingen hervorgebracht, damit das, was dem einen an der Darstellung der göttlichen Güte fehlt, durch das andere ergänzt werde. Denn die Güte, die in Gott einfach und geeint ist, ist in den Geschöpfen geteilt und vielfältig.“

(Thomas von Aquin, Summa Theologiae I, q. 47, a. 1)

​Wer also die Vielfalt – sei sie biologisch, kulturell oder in der Identität des Menschen – ablehnt, verkennt, dass Gott sich gerade in der Differenz mitteilt. Ein Gott, der nur das Uniforme wollte, wäre ein Gott, der seine eigene Unendlichkeit leugnet.

​2. Gott als Raum der Freiheit (Jürgen Moltmann)

Sieht man sich die Gedanken von Jürgen Moltmann an, der in seiner Schöpfungslehre den kabbalistischen Begriff des Zimzum aufgreift. Damit Gott Raum für eine Welt schaffen kann, die nicht er selbst ist, muss er in sich selbst „Platz machen“. Gott ist kein monolithischer Block, sondern ein trinitarisches Beziehungsgeschehen, das sich öffnet.

​„Gott schafft die Welt nicht ‚außerhalb‘ seiner selbst, sondern er lässt aus sich selbst heraus Raum für seine Schöpfung. Er ist ein Gott, der in seiner Liebe weit wird, um dem Anderen, dem Verschiedenen, dem Endlichen eine Heimat zu geben.“

(Vgl. Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung, S. 94)

​In dieser trinitarischen Weite ist Platz für jede Form des Seins. Wenn Gott selbst in sich „Raum schafft“, dann ist die Exklusion von Menschen aufgrund ihrer geschlechtlichen Identität oder ihrer Andersartigkeit ein Akt, der sich gegen die göttliche Gastfreundschaft richtet.

​3. Die Schönheit der Ordnung in der Vielfalt (Augustinus)

​Schon Augustinus von Hippo sah in der Verschiedenheit der Dinge eine „universale Harmonie“. Für ihn war das Universum wie ein großes Gedicht, dessen Schönheit gerade aus den Kontrasten entsteht.

​„Denn wie das Gegeneinanderstellen von Gegensätzen dem Gedicht eine gewisse Schönheit verleiht […], so wird die Schönheit des Ganzen aus einer Art von Antithesen aufgebaut, gleichsam durch die Beredsamkeit nicht der Worte, sondern der Dinge.“

(Augustinus, De civitate Dei, XI, 18)

​Wenn wir heute über Gender-Diversität oder die Komplexität menschlicher Psyche sprechen, dann sind dies moderne Ausdrucksformen dieser „Antithesen“ oder Differenzen, die das Gesamtbild der Menschheit erst vervollständigen.

​4. Die Identität im Werden (Dorothee Sölle und Karl Rahner)

​Gegen eine statische Sicht des Menschen, die alles in starre Schubladen pressen will, ließe sich mit Karl Rahner argumentieren, dass der Mensch ein „Hörer des Wortes“ ist, dessen Wesen in der Offenheit auf das unendliche Geheimnis Gottes besteht. Der Mensch ist nicht fertig; er ist ein Entwurf.

Dorothee Sölle radikalisierte dies in ihrer Befreiungstheologie. Für sie ist Gott keine repressive Ordnungsmacht, sondern die schöpferische Kraft des Lebens selbst.

​„Gott will nicht, dass wir alle gleich sind wie Soldaten in Uniform. Er ist der Gott des Lebens, und Leben bedeutet Veränderung, Vielfalt und das Aufbrechen alter Krusten.“

(Vgl. Dorothee Sölle, Gott denken, S. 120)

Widerstand gegen die Vielfalt als Widerstand gegen Gott

​Wer Probleme mit gendergerechter Sprache oder der Diversität von Lebensentwürfen hat, beruft sich oft auf eine vermeintliche „natürliche Ordnung“. Doch die christliche Tradition – von den Kirchenvätern über die Scholastik bis zur Moderne – lehrt uns: Die Ordnung Gottes ist keine Uniformität, sondern eine Communio (Gemeinschaft) der Verschiedenen.

​In der Trinität sehen wir, dass Gott in sich selbst Differenz ist (Vater, Sohn, Geist) und dennoch eins. Wenn wir Menschen in ihrer Transgeschlechtlichkeit oder ihrer Vielfalt ablehnen, verletzen wir das Bild Gottes (Imago Dei), das gerade darin besteht, dass der Mensch fähig ist, in seiner Einzigartigkeit Teil eines größeren Ganzen zu sein.

​Wie Irenäus von Lyon sagte:

​„Die Herrschaft Gottes ist der lebendige Mensch; das Leben des Menschen aber ist die Anschauung Gottes.“

(Irenäus, Adversus haereses, IV, 20, 7)

​Und dieser lebendige Mensch ist in der heutigen Welt eben bunt, vielfältig und in ständigem Wandel begriffen – so wie der Geist Gottes, der weht, wo er will. Jede Angst vor dieser Vielfalt ist letztlich eine Angst vor der Größe Gottes selbst.


Kommentare

6 Kommentare zu „Wie woke ist Gott?“

  1. Avatar von Sabine M.
    Sabine M.

    Das war nun leider auch nur ein Versuch, Gott für die woke Agenda zu instrumentalisieren. Man kann einfach nicht jede Perversion als Vielfalt verklären, die dann angeblich gottgewollt ist.

    1. Da liegen Sie leider falsch. Das hier ist tatsächlich eine theologische Grundlage für Gottes Vielfalt und die Vielfalt in seiner Schöpfung. Wer das anders sieht, darf das natürlich auch anders sehen, aber sollte sich dabei nicht auf Gott berufen, zumindest nicht auf den christlichen.

  2. Avatar von Agricola
    Agricola

    Ich habe Sie möglicherweise falsch verstanden, deshalb die Nachfrage: Sind Sie wirklich der Meinung, daß man solche perversen Dinge wie den Genderwahn als gottgewollt darstellen kann, wenn man sie als Vielfalt deklariert?

    1. Was verstehen Sie denn unter sogenanntem „Genderwahn“ ? Dass jeder Mensch so angenommen ist von Gott, wie er ist, unabhängig davon, was für ein Geschlecht er hat oder welches soziale Geschlecht er sich selbst zuschreibt? Inwiefern wäre das ein Wahn?

    2. @agricola

      Sie unterstellen hier eine „Perversion“, wo die christliche Tradition eigentlich eine theologische Notwendigkeit sieht. Nach Thomas von Aquin reicht ein einziges Geschöpf niemals aus, um die unendliche Güte Gottes darzustellen. Gott hat die Welt bewusst vielfältig und differenziert geschaffen, damit das, was dem einen fehlt, durch das andere ergänzt wird. Wer diese Vielfalt ablehnt, verkennt damit die Weite der göttlichen Schöpfung und setzt voraus, dass Gott nur das Einförmige gewollt habe.

      Auch die Rede vom „Genderwahn“ verkennt die biblische Anthropologie. Der Mensch ist nach dem Bild Gottes geschaffen, und dieses Bild ist gerade kein starrer Block. Da Gott in sich selbst als Dreifaltigkeit Beziehung und Differenz ist, spiegelt sich dies in der menschlichen Existenz wider. In der Nachfolge Jesu sehen wir zudem, dass Gott gerade dort Raum schafft, wo menschliche Kategorien an ihre Grenzen stoßen. Jesus hat Grenzen nicht zementiert, sondern sie für die Menschen geöffnet.

      Der Mensch ist kein fertiges, statisches Objekt, sondern ein Wesen in der Offenheit auf das Geheimnis Gottes hin. Wenn wir heute über die Vielfalt von Identitäten sprechen, ist dies kein Ausdruck von Willkür, sondern eine zeitgemäße Form der universalen Harmonie, von der bereits Augustinus sprach. Wahre Ordnung zeigt sich nicht in der Uniformität oder in Soldaten in Uniform, sondern in der Gemeinschaft der Verschiedenen. Wer Menschen aufgrund ihrer Identität ausgrenzt, handelt letztlich gegen die göttliche Gastfreundschaft, die in der Schöpfung jedem Sein seinen Platz einräumt.

      Gottes Schöpfung ist ein lebendiger Prozess und kein abgeschlossenes Museum. Die Vielfalt, die Sie als Bedrohung wahrnehmen, ist theologisch gesehen ein Ausdruck der göttlichen Freiheit, die sich nicht in enge menschliche Schablonen pressen lässt. Jede Form des Seins, die aus der Liebe und der Suche nach Identität entsteht, hat ihren Ursprung in dieser schöpferischen Kraft. Wer die Weite dieser Ordnung leugnet, unterschätzt die Größe Gottes.

    3. Wissen Sie, Agricola, oft wird ja der Schöpfungsbericht angeführt, in dem es heißt: „Gott schuf sie als Mann und Frau“. Aber theologisch gesehen ist das kein Ausschluss von allem anderen, sondern ein Bild für die Ganzheit. Wenn es in der Genesis heißt, Gott schuf „Himmel und Erde“, meint das ja auch alles, was dazwischen ist – von der Atmosphäre bis zu den tiefsten Ozeanen. Es sind zwei Pole, die einen Raum aufspannen, in dem Platz für die ganze Vielfalt ist.

      Wenn wir sagen würden, dass alles, was nicht exakt in diese zwei Kategorien passt, ein Fehler ist, dann würden wir Gott unterstellen, dass er gepfuscht hat. Aber ein Gott, der Fehler macht, wäre nicht Gott. Da er aber vollkommen ist, muss auch alles, was zwischen diesen Polen liegt, genauso gewollt sein. Diese Menschen sind keine Launen der Natur, sondern ein Ausdruck der schöpferischen Freiheit Gottes.

      Das sehen wir auch in der Zuwendung Jesu. Er hat Menschen nie in Schubladen gesteckt, sondern ihre Würde jenseits von gesellschaftlichen Normen betont. Wer heute von einem „Wahn“ spricht, wenn es um diese Vielfalt geht, der versucht eigentlich nur, Gott in eine kleine, menschliche Kiste zu sperren. Aber Gottes Geist weht, wo er will, und er lässt sich nicht von unseren Vorurteilen einschränken.

      Die Gottebenbildlichkeit zeigt sich gerade darin, dass wir keine Kopien sind, sondern jedes Leben ein eigenes, wertvolles Original ist. Wer diese Buntheit ablehnt, der lehnt eigentlich den Reichtum der Schöpfung ab. Es geht nicht darum, Gott für eine politische Agenda zu nutzen, sondern darum, endlich anzuerkennen, wie unendlich groß seine Liebe wirklich ist, die niemanden draußen vor der Tür stehen lässt.

      Die Ordnung Gottes ist eben keine Starrheit, sondern ein lebendiger Prozess, der uns immer wieder staunen lässt. Wenn wir aufhören, das Unbekannte als Bedrohung zu sehen, erkennen wir in der Vielfalt der Menschen die eigentliche Pracht des Schöpfers. Wer Gott liebt, sollte auch die Freiheit lieben, in der er uns alle so unterschiedlich geschaffen hat.

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