
Donald Trump hat nicht völlig unrecht, wenn er sagt, dass die Staaten, die stark von der Straße von Hormus abhängen, auch Verantwortung für deren Sicherung tragen sollten. Die aktuelle Lage ist ernst: Der Krieg zwischen den USA, Israel und Iran dauert inzwischen mehrere Wochen an, die Straße von Hormus ist weitgehend blockiert, die Ölpreise sind stark gestiegen, und auch in Europa schlagen die Folgen bereits auf die Energiepolitik durch. Die EU reagiert schon mit Krisenmaßnahmen, etwa mit größerer Flexibilität bei Gasspeicherzielen, weil die Preisrisiken durch den Krieg im Nahen Osten deutlich zugenommen haben.
Trotzdem greift Trumps Vorwurf gegen Europa politisch und strategisch zu kurz. Denn Europa weiß aus bitterer Erfahrung, dass militärische Einsätze zwar schnell begonnen, aber nur schwer beendet werden. Gerade im Nahen Osten haben westliche Interventionen in den vergangenen Jahrzehnten oft gezeigt, wie leicht aus einer begrenzten Mission ein langwieriger, teurer und unübersichtlicher Konflikt werden kann. Dass mehrere europäische Staaten ihre Unterstützung für eine Sicherung der Seeroute ausdrücklich an ein Ende der Kampfhandlungen knüpfen, ist deshalb kein Zeichen von Feigheit, sondern Ausdruck dieser Erfahrung. Frankreich, Deutschland, Italien und die Niederlande haben ihre Bereitschaft an Bedingungen geknüpft und betonen, dass Deeskalation und Völkerrecht Vorrang haben sollen.
Hinzu kommt ein zweiter, noch gewichtigerer Punkt: Donald Trump ist für Verbündete kein verlässlicher strategischer Partner. Reuters berichtet, dass er einerseits die NATO-Staaten als „cowards“ beschimpft, weil sie sich nicht stärker am Krieg gegen Iran beteiligen, andererseits aber zugleich erklärt, die USA stünden womöglich kurz vor dem Erreichen ihrer Ziele und könnten ihr eigenes Engagement bald beenden. Genau diese Widersprüchlichkeit ist das Problem. Wer heute europäische Schiffe, Soldaten oder politische Rückendeckung in eine hochriskante Lage schickt, muss sich darauf verlassen können, dass Washington morgen nicht plötzlich die Linie ändert. Bei Trump ist genau das fraglich.
Deshalb ist die europäische Skepsis rational. Europa soll nach Trumps Vorstellung offenbar einen Teil der Last übernehmen, während Washington sich zugleich die Option offenhält, jederzeit umzuschalten: heute Eskalation, morgen Rückzug, übermorgen neue Drohungen. Dass parallel sogar über eine Besetzung oder Blockade der iranischen Öl-Drehscheibe Kharg Island nachgedacht wird, zeigt zusätzlich, wie unberechenbar und eskalationsgefährlich die amerikanische Debatte derzeit ist. Ein solcher Kurs schafft für europäische Regierungen kein stabiles Fundament für eine gemeinsame Militärmission.
Noch stärker wird das europäische Zögern durch den eigenen Kontinent bestimmt. Europa lebt seit Jahren mit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine direkt vor der eigenen Haustür. Gerade dort zeigt sich, wie schwer es der EU fällt, dauerhaft geeint und entschlossen zu handeln. Zwar hat die EU ihre Russland-Sanktionen erneut verlängert, doch gleichzeitig blockiert Viktor Orbán weiterhin zentrale Hilfen für die Ukraine, darunter ein großes EU-Finanzpaket. Das heißt: Europa ist schon im eigenen sicherheitspolitischen Kernraum nicht voll handlungsfähig. Unter solchen Bedingungen erscheint es logisch, dass viele Regierungen fragen: Was sollen wir militärisch in Hormus leisten, wenn wir nicht einmal in Europa selbst mit derselben Konsequenz auftreten?
Darum haben am Ende beide Seiten ein Stück weit recht. Trump hat recht, weil Europa wirtschaftlich von freien Seewegen profitiert und sich nicht dauerhaft darauf zurückziehen kann, dass die USA schon alles regeln werden. Gerade energiepolitisch ist Europa verletzlich; der aktuelle Krieg im Nahen Osten treibt bereits die Preise, und die EU ringt gleichzeitig weiter mit dem Ausstieg aus russischen Energieträgern. Auch deshalb ist die Sicherung von Handelswegen kein bloß amerikanisches Interesse.
Die Europäer haben aber ebenfalls recht, weil Verantwortung nicht dasselbe ist wie blinder Mitmarsch. Eine Beteiligung an der Straße von Hormus wäre nur dann vernünftig, wenn Ziel, Mandat, Dauer, Rechtsgrundlage und politische Führung klar wären. Genau daran fehlt es derzeit. Solange Trump seine Partner öffentlich abwertet, zugleich aber ihre Hilfe verlangt; solange die USA zwischen Eskalation und möglichem Rückzug schwanken; und solange Europa selbst durch den russischen Angriffskrieg gebunden ist, wirkt Zurückhaltung nicht schwach, sondern nüchtern.
Die eigentliche europäische Aufgabe liegt deshalb wahrscheinlich woanders: nicht vorschnell in einen neuen Krieg hineingezogen zu werden, aber zugleich die eigene sicherheits- und energiepolitische Abhängigkeit endlich realistischer zu betrachten. Europa kann nicht überall sein. Doch es muss lernen, dort verlässlich zu handeln, wo seine Interessen und seine Verantwortung wirklich zusammenfallen. Und das ist im Moment zuerst einmal der eigene Kontinent.



Kommentar verfassen