Der unentspannte Diktator

Wohl aus Sorge vor einem gezielten Luftschlag wie gegen den iranischen Führer Chamenei lässt Putin aktuell das mobile Netz in Moskau abschalten, um nicht geortet werden zu können. Diese Maßnahme zwingt die Bevölkerung zurück in einen analogen Alltag und dient der totalen staatlichen Informationskontrolle.

Digitalfasten für das Vaterland: Wenn der Kreml-Chef die Funkstille befiehlt

​Man muss Wladimir Putin eines lassen: Er ist ein echter Romantiker. Während der Rest der Welt sich mit KI-gesteuerten Lieferdrohnen und Quantencomputing herumschlägt, ermöglicht er den Moskauern eine entschleunigte Zeitreise in die Neunzigerjahre. Ohne Vorwarnung, ohne Aufpreis, einfach so – per Knopfdruck der Aufsichtsbehörden.

​Dass das mobile Netz im Moskauer Zentrum nun zuverlässig tot ist, hat natürlich rein gar nichts mit der paronoiden Angst eines alternden Bunkerbewohners vor ukrainischen Drohnen oder israelischen Präzisionsschlägen zu tun. Nein, es ist ein pädagogisches Projekt. Der Russe an sich soll wieder lernen, wie man einen Stadtplan aus Papier faltet, ohne einen Nervenzusammenbruch zu erleiden. Dass dabei nebenbei die gesamte digitale Wirtschaft der Hauptstadt vor die Hunde geht, ist ein kleiner Preis für die Gewissheit, dass der oberste Kriegsherr sein Mittagessen in Ruhe einnehmen kann, ohne dass ein GPS-Signal sein Besteck verrät.

​Es ist rührend zu beobachten, wie die Moskauer Elite nun lernt, dass man Bargeld nicht nur zum Bestechen von Beamten nutzen kann, sondern auch, um im Supermarkt tatsächlich Milch zu kaufen. Die Rückkehr zum Festnetztelefon ist zudem ein genialer Schachzug: Endlich kann der Geheimdienst wieder ganz klassisch mitschreiben, ohne sich mit lästiger End-zu-End-Verschlüsselung herumzuärgern.

​Besonders charmant ist der Versuch, den Bürgern die App „Max“ schmackhaft zu machen. Ein digitales Schweizer Taschenmesser, das alles kann: Navigieren, Behördengänge und – ganz wichtig – den aktuellen Standort direkt an die Sicherheitsorgane funken. Dass selbst die treuesten Z-Blogger dieses Meisterwerk als „langweiligen Mist“ bezeichnen, zeigt nur, wie undankbar das Volk ist. Da investiert der Staat Milliarden in eine maßgeschneiderte Spyware, und die Leute beschweren sich über Ladezeiten.

​Man sollte das Gejammer der Internetunternehmer und Taxifahrer nicht überbewerten. Wer braucht schon funktionierende Lieferdienste, wenn er die Chance hat, stundenlang am Puschkin-Denkmal zu warten, weil die Verabredung per SMS im digitalen Nirwana verschwunden ist? Es ist eine Rückkehr zur menschlichen Begegnung.

​Der Kreml demonstriert hier keine technische Unfähigkeit, sondern eine brutale Prioritätensetzung: Das Überleben des Regimes wiegt schwerer als das Funktionieren einer Millionenmetropole. Wenn der Herr im Kreml sich unwohl fühlt, hat die Realität gefälligst Sendepause.

​Weint leiser, liebe Moskauer. In der vordigitalen Welt hört euch sowieso keiner – außer vielleicht der Nachbar, der eure Beschwerden direkt beim FSB meldet. Und das ist doch auch eine Form von Vernetzung.


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