Regen aus Stahl über Israel

Wenn der Himmel zum Sieb wird

​Es gibt Momente in der Geschichte, in denen das Déjà-vu nicht tröstlich, sondern erschütternd ist. Was man in der Ukraine – genauer gesagt in Kyjiw – seit nunmehr vier Jahren als schmerzhaften Alltag kennt, ist nun mit voller Wucht im Nahen Osten angekommen: Die Erkenntnis, dass völkerrechtliche Tabus wie dünnes Pergament verbrennen, sobald der Gegner beschließt, „unfair“ zu spielen. In Israel wächst derzeit die Einsicht, dass man sich in einer neuen, hässlichen Phase der Kriegsführung befindet, in der die Unterscheidung zwischen Front und Hinterhof technologisch weggesprengt wird.

​Regen aus Stahl und die Erosion der Regeln

Die jüngsten Berichte aus dem Herzen Israels lesen sich wie ein technisches Protokoll des Grauens. Laut der Times of Israel hat die israelische Polizei die Bevölkerung eindringlich vor einer neuen Gefahr gewarnt: Streubomben. Was wie ein Relikt aus dunklen Geschichtsbüchern klingt, wurde laut Armeesprecher Nadav Schoschani „zahlreiche Male“ vom Iran eingesetzt. Diese Waffen, die in der Luft zerbersten und hunderte kleine Sprengkörper über Wohngebiete regnen lassen, verwandeln Spielplätze und Straßenzüge in tückische Minenfelder. Ein Militärexperte bestätigte gegenüber Ynet, dass Videomaterial aus dem Zentrum des Landes eindeutig das charakteristische Muster von Streumunition zeigt – ein Schwarm kleiner Geschosse, der sich über Tel Aviv und das Umland ergoss.

​Ethisch gesehen ist das der Punkt, an dem die Ratio den Raum verlässt. Theologisch könnte man sagen: Wenn der Mensch beschließt, den Himmel in ein Sieb zu verwandeln, durch das der Tod fällt, ist die Gottebenbildlichkeit endgültig im Schredder gelandet. Es ist eine bittere Ironie, dass weder Israel noch der Iran die internationale Konvention gegen Streumunition unterzeichnet haben. Man verzichtet also förmlich darauf, sich gegenseitig zu versprechen, dass man die Enkelkinder des Gegners nicht auch noch in zehn Jahren durch Blindgänger gefährden möchte. Das ist eine Art von diplomatischer Aufrichtigkeit, die man fast schon als „konsequent“ bezeichnen könnte, wenn sie nicht so mörderisch wäre.

​Die Dynamik der Eskalation ohne Kompass

​Während der Stahlregen fällt, bleibt die politische Strategie neblig. Bei einem Besuch in Be’er Scheva, das laut Jerusalem Post massiv unter Beschuss geriet, gab sich Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gewohnt entschlossen. Er kündigte eine „weitere Intensivierung“ der Angriffe an und betonte, man sei auf dem Weg, alle Missionen zu vollenden. Welche Missionen das genau sind, bleibt jedoch das bestgehütete Geheimnis der Region. Die Haaretz weist in einer scharfen Analyse darauf hin, dass weder Israel noch die USA klare Kriegsziele definiert haben. Man agiert in einer Spirale der Vergeltung, die moralisch legitimiert wird durch die „Unfairness“ des Gegners, aber politisch in ein Vakuum führt.

​Man könnte fast meinen, die Definition von „Sieg“ sei heutzutage so flexibel wie die Flugbahn einer Drohne. Wenn man keine Ziele nennt, kann man später behaupten, man hätte sie alle erreicht – ein rhetorischer Trick, der so alt ist wie die Psalmen, aber in Zeiten von ballistischen Raketen einen faden Beigeschmack hinterlässt. Die Menschen in Be’er Scheva oder Tel Aviv dürften sich wenig für diese semantischen Feinheiten interessieren, während sie in Schutzräumen ausharren, die sie an die Keller von Kyjiw erinnern.

​Der Kyjiw-Moment und die theologische Ratlosigkeit

​Die Parallele zur Ukraine ist nicht nur militärischer Natur. Es ist das Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer asymmetrischen Brutalität. Wer Streubomben gegen Zivilisten einsetzt, wie es der Iran laut israelischen Angaben tut, verlässt den Boden des „gerechten Krieges“ – sofern es so etwas außerhalb von Lehrbüchern überhaupt gibt. Aus theologischer Sicht stehen wir vor dem Trümmerhaufen der Idee, dass Krieg eine Art Ordnung wiederherstellen könnte. Stattdessen sehen wir eine Entfesselung, bei der die Mittel den Zweck längst gefressen haben.

​Es bleibt die trockene Erkenntnis: Wenn zwei Seiten entscheiden, dass Regeln nur für Schönwetterperioden gelten, wird die Zukunft zu einem Ort, an dem man besser nicht nach oben schaut. Die Intensivierung, von der Netanjahu spricht, ist die logische Fortsetzung eines Dialogs, der nur noch aus Explosionen besteht. In diesem Sinne: Willkommen in einer Welt, in der die „Mission“ erst dann endet, wenn niemand mehr da ist, der die Flagge halten könnte.

Verwendete Quellen:

  • The Times of Israel: Berichterstattung über den Einsatz von iranischen Streubomben und die Warnungen der Polizei.
  • The Jerusalem Post: Details zu Netanjahus Besuch in Be’er Scheva und der Ankündigung intensivierter Angriffe.
  • Ynet News: Analyse von Videomaterial und Berichte über die Auswirkungen der Angriffe im Zentrum Israels.
  • Haaretz: Kritische Einordnung der fehlenden Kriegsziele und der strategischen Lage.
  • Kan News: Hintergrundinformationen zur militärischen Kommunikation und den Reaktionen der IDF-Sprecher.


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