
In seinem Kommentar „Liebe Lehrer, eure Privilegien gehen zu weit“ (ZEIT Online, 24. Februar 2026) kritisiert Benjamin Emonts den Beamtenstatus für Lehrkräfte als ein ungerechtes Überbleibsel aus preußischen Zeiten. Er fordert die Abschaffung der Verbeamtung, um Gerechtigkeit zwischen Angestellten und Beamten zu schaffen und durch Leistungsanreize die Qualität an Schulen zu steigern. Doch diese Forderungen übersehen die staatspolitische Bedeutung des Lehrerberufs und die wirtschaftlichen Hintergründe.
Das Rückgrat der staatlichen Bildung: Eine Entgegnung
These 1: Die hohe Pension ist ein ungerechtes Privileg gegenüber der Rente
Emonts stellt die durchschnittliche Pension der Rente gegenüber und sieht darin eine soziale Schieflage.
Widerlegung: Dieser Vergleich führt in die Irre. Die Pension ist rechtlich gesehen aufgeschobener Sold. Beamte erhalten während ihrer Dienstzeit ein geringeres Bruttogehalt als vergleichbare Fachkräfte in der freien Wirtschaft, da der Staat einen Teil für die spätere Versorgung einbehält. Zudem müssen Pensionen zu 100 Prozent versteuert werden. Ein Angestellter kann durch private Vorsorge und betriebliche Renten eine ähnliche Absicherung erreichen. Die Abschaffung der Verbeamtung würde den Staat zudem sofort mit Milliardenbeträgen für Sozialversicherungsbeiträge belasten, ohne die langfristigen Probleme zu lösen.
These 2: Lehrer erfüllen keine „hoheitliche“ Aufgabe wie Polizisten
Der Autor behauptet, Lehrer bräuchten keinen Sonderstatus, da sie keine unmittelbaren Sicherheitsaufgaben wahrnehmen.
Widerlegung: Das Gegenteil ist der Fall. Lehrer nehmen eine der wichtigsten hoheitlichen Aufgaben überhaupt wahr: die Erziehung der künftigen Staatsbürger. Schon Platon beschrieb in seiner Politeia die Notwendigkeit von Wächtern (Phylakes), die durch Bildung und Erziehung den Fortbestand und die Gerechtigkeit des Gemeinwesens sichern. Lehrer unterliegen heute einer Bekenntnispflicht. Sie dürfen nicht bloß passiv neutral sein, sondern müssen sich aktiv für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetzen. Der Beamtenstatus schützt sie davor, zum Spielball politischer Strömungen zu werden. Er garantiert, dass ein Lehrer auch dann demokratische Werte lehren kann, wenn eine Landesregierung unter Druck steht oder sich extremistische Tendenzen in der Gesellschaft ausbreiten.
Exkurs: Das Remonstrationsrecht – Schutz gegen Willkür und „Säuberungen“
Ein zentrales Element des Beamtentums ist das Remonstrationsrecht (gemäß § 63 BBG bzw. entsprechende Landesgesetze). Es beschreibt die Pflicht des Beamten, Bedenken gegen die Rechtmäßigkeit dienstlicher Anordnungen sofort bei seinem Vorgesetzten zu melden.
- Der Ablauf: Wenn ein Lehrer eine Anweisung erhält, die er für rechtswidrig hält (z. B. die Manipulation von Noten oder die Verbreitung verfassungsfeindlicher Inhalte), muss er dagegen protestieren. Bleibt der Vorgesetzte dabei, muss sich der Lehrer an die nächsthöhere Instanz wenden.
- Schutz vor politischer Instrumentalisierung: Aktuelle Ereignisse in den USA zeigen, wie gefährdet ein Staatsapparat ohne diesen Schutz ist. Dort wurden unter Donald Trump und dem DOGE-Gremium abertausende Berufsbeamte entfernt, um einen gefälligen Staat nach dem Willen der Exekutive zu schaffen.
- Bollwerk gegen Willkür: Im deutschen Beamtenrecht ist eine solche willkürliche Entfernung von Fachkräften nicht möglich. Beamte sind gerade deshalb unkündbar, um staatlicher Willkür entgegentreten zu können. Sie sind Diener des Gesetzes und der Verfassung, nicht der jeweils herrschenden Regierung. Das Remonstrationsrecht macht sie zu aktiven Wächtern des Rechtsstaats, die sich nicht aus Angst vor Entlassung beugen müssen.
These 3: Leistungsbezogene Bezahlung würde die Unterrichtsqualität steigern
Emonts fordert Wettbewerb und finanzielle Belohnungen für „gute“ Lehrer, während „schlechte“ weniger verdienen sollten.
Widerlegung: Die Messung von „Leistung“ in der Bildung ist kaum möglich, ohne den Bildungsauftrag zu gefährden. Würde man das Gehalt an Noten koppeln, käme es zu einer massiven Noteninflation. Würde man es an Tests koppeln, fände nur noch Lernen für den Test statt. Echte pädagogische Arbeit ist Beziehungsarbeit und Teamleistung. Ein künstlicher Wettbewerb würde das Kollegium spalten und die Zusammenarbeit zerstören. Der Lehrerberuf erfordert Kooperation statt Konkurrenz, um Kinder individuell zu fördern.
These 4: Ein Streikrecht für Lehrer wäre gesellschaftlich verkraftbar
Der Artikel suggeriert, dass Streiks an Schulen keine schweren Folgen für die Gesellschaft hätten.
Widerlegung: Hier wird die Bedeutung für das System unterschätzt. Schulen sind nicht nur Orte des Lernens, sondern auch der Betreuung. Ein mehrtägiger Lehrerstreik würde die Wirtschaft lahmlegen, da Millionen von Eltern ihrer Arbeit nicht nachgehen könnten. Der Verzicht auf das Streikrecht ist der Preis für die Verlässlichkeit des Bildungssystems, die der Staat seinen Bürgern garantieren muss.
These 5: Andere Anreize könnten den Beamtenstatus ersetzen
Der Autor glaubt, ein „freundlicheres Referendariat“ würde als Anreiz ausreichen.
Widerlegung: In einem Arbeitsmarkt, der händringend nach Fachkräften sucht, ist die Sicherheit und Beständigkeit der Verbeamtung oft das einzige Argument, das junge Talente noch für den Schuldienst begeistert. Ohne die Aussicht auf eine gesicherte Zukunft würden noch mehr Absolventen in die freie Wirtschaft abwandern. Die Belastungen durch Inklusion, Digitalisierung und soziale Herausforderungen an Schulen sind so hoch, dass die staatliche Fürsorgepflicht das notwendige Gegengewicht bildet.
Ein notwendiger Schutzschirm für unsere Demokratie
Anstatt den Beamtenstatus abzuschaffen, sollte die Politik daran arbeiten, die Arbeitsbedingungen für alle Lehrkräfte zu verbessern. Die Verbeamtung ist kein Privileg zur Selbstbedienung, sondern ein Schutzinstrument des Rechtsstaates. Sie stellt sicher, dass Bildung unabhängig von wirtschaftlichen Schwankungen und politischem Druck bleibt. Wer die Verbeamtung abschafft, gefährdet die Stabilität unserer Schulen und damit das Fundament unserer demokratischen Gesellschaft.
Denn am Ende bleibt die Erkenntnis, dass Bildung kein beliebiges Wirtschaftsgut ist, sondern der Kleber, der unser Gemeinwesen zusammenhält. Hier treffen sich Philosophie und Staatskunst: Während Platon bereits die moralische Integrität der Wächter forderte, betonte Aristoteles, dass die Erziehung der Jugend die wichtigste Sorge des Gesetzgebers sein müsse, da der Bestand der Verfassung von ihr abhänge. Auch für Cicero war der Dienst an der Gemeinschaft die höchste Tugend des Bürgers. In dieser Tradition stehen Lehrer auch heute: Sie sind nicht bloße Dienstleister, sondern die geistigen Wächter der Republik, deren Unabhängigkeit das höchste Gut einer wehrhaften Demokratie ist.
Quelle: Benjamin Emonts: Liebe Lehrer, eure Privilegien gehen zu weit, ZEIT Online, 24. Februar 2026.



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