
Es ist der 24. Februar 2026. Ein grauer Dienstag, der sich wie ein bleierner Schatten über den Kontinent legt. Zum vierten Mal jährt sich der Tag, an dem das Unfassbare zur Routine wurde. In den Kirchen von Berlin bis Kyjiw brennen Kerzen, und die Liturgien der Erschöpfung mischen sich mit dem hartnäckigen „Dennoch“ der Psalmen. Während die Diplomatie oft in der frostigen Stille prunkvoller Säle erstarrt, stellt sich die theologische Kernfrage heute drängender denn je: Wo bleibt eigentlich der Gott des Exodus, wenn die Panzer rollen?
Die Sehnsucht nach dem Moses-Moment
Die Parallele ist verlockend: Ein tyrannischer Herrscher, ein unterdrücktes Volk und der Wunsch nach einem göttlichen Eingreifen, das das Meer teilt und die Verfolger verschlingt. In den Spirituals und Gospels, die heute wieder in Solidaritätskonzerten erklingen, wird diese Hoffnung zur Hymne. „Let my people go“ – ein Satz, der im heutigen Kyjiw eine bittere Aktualität besitzt. Doch die biblische Befreiung war nie ein Event für Zuschauer. Gott scheint heute weniger als der große Magier aufzutreten, der per Fingerschnippen Flugverbotszonen errichtet, sondern eher als die Kraft, die Menschen dazu bringt, durch den Schlamm der Geschichte zu waten. Wenn Gott heute befreit, dann tut er das oft durch die widerspenstige Solidarität, die sich weigert, den Terror als Normalität zu akzeptieren.
Es ist eine eigenwillige Form der göttlichen Regie: Während wir auf das Feuer vom Himmel warten, schickt er uns vielleicht eher einen Haushaltsausschuss der EU. Das mag weniger fotogen sein als ein brennender Dornbusch, ist aber in der Praxis der Nächstenliebe oft effektiver. Man könnte fast sagen, Gott hat Humor – nur eben einen sehr trockenen, wenn er die Rettung der Welt ausgerechnet in die Hände von Bürokraten und Logistikern legt.
Ethik zwischen Gebet und Überweisung
Hier schlägt das Pendel zur ethischen Verantwortung aus. In den theologischen Debatten des Jahres 2026 ringt man weiterhin um den Begriff des „gerechten Friedens“. Ist es Sünde, Waffen zu liefern? Oder ist es vielmehr eine unterlassene Hilfeleistung von biblischem Ausmaß, dem Aggressor das Feld zu überlassen? Die christliche Friedensethik hat gelernt, dass Gewaltlosigkeit zwar ein hohes Gut ist, aber nicht zur Komplizenschaft mit dem Mörder werden darf. Das „Schwert“ der weltlichen Obrigkeit, von dem schon die Reformatoren sprachen, dient heute dazu, das Selbstbestimmungsrecht eines Volkes zu schützen.
Gott zu bitten, die Menschen in der Ukraine vor dem russischen Terror zu bewahren, und gleichzeitig die Mittel für deren Verteidigung zu kürzen, wirkt theologisch gesehen wie ein schlechter Scherz. Es ist das Paradoxon des Glaubens: Wir beten so, als hinge alles von Gott ab, aber wir selbst handeln zu zaghaft und vergessen, dass Gott uns Hände zum Handeln gegeben hat. Wer auf ein Wunder hofft, sollte zumindest dafür sorgen, dass die Infrastruktur für das Wunder vorhanden ist. Dass die EU-Länder mehr Geld geben müssen, ist daher keine rein ökonomische Frage, sondern eine der moralischen Statik Europas. Wenn wir die Freiheit nur in Sonntagsreden besingen, aber beim Budget knausern, riskieren wir, dass unsere Gebete nur noch als Echo in leeren Ruinen verhallen.
Die Statik der Hoffnung
Nach vier Jahren Krieg ist die Gefahr der Gewöhnung groß. Doch die Kirchen rufen heute dazu auf, das Schweigen zu brechen. In der Ukraine wird der Glaube oft zur letzten Barriere gegen die Verzweiflung. Dort ist Gott nicht der ferne Weltenlenker, sondern der Schicksalsgefährte im Luftschutzkeller. Die Befreiung, die wir heute erleben, geschieht im Kleinen: in der Aufnahme von Geflüchteten, in der psychologischen Betreuung Traumatisierter und im unermüdlichen Festhalten an der Vision einer gerechten Ordnung.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion dieses traurigen Jahrestages: Gott befreit nicht statt uns, sondern durch uns. Der Exodus aus der Angst beginnt dort, wo Menschen bereit sind, den Preis für die Freiheit anderer zu zahlen – sei es durch diplomatischen Druck, finanzielle Lasten oder die schlichte, aber mächtige Weigerung, das Unrecht zu vergessen. Und während wir noch darüber diskutieren, ob ein Wunder möglich ist, geschieht es vielleicht längst in der Tatsache, dass ein geschundenes Volk nach 1.461 Tagen immer noch aufrecht steht und singt.
Quellen:
- chrismon.de / evangelisch.de: Gedenken und Friedensgebete zum vierten Jahrestag des Ukraine-Krieges (24.02.2026).
- ekd.de: Materialhefte und liturgische Bausteine zum Thema „Gerechter Friede“ und Ukraine-Solidarität.
- katholisch.de / Justitia et Pax: Stellungnahmen zur ethischen Vertretbarkeit von Waffenlieferungen und Verteidigungsrecht.
- zeitzeichen.net: Essays zur theologischen Deutung von Krieg und Befreiungsmotiven.
- idea.de / pro-medienmagazin.de: Berichte über die Situation der Kirchen in der Ukraine und die Rolle des Gebets.
- Gustav-Adolf-Werk (GAW): „Vier Jahre Krieg und kein Ende“ – Klage und Hoffnung aus der Diaspora.
- Mennonews.de: Aufrufe der ACK zum ökumenischen Friedensgebet 2026.



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