
An diesem grauen Dienstag, dem 24. Februar 2026, blickt die Welt auf ein Datum, das sich tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Es ist der vierte Jahrestag der russischen Vollinvasion, und während in Kyjiw die Sirenen heulen, scheint die moralische Kompassnadel des Westens in einem Meer aus Bürokratie und politischem Kalkül zu zittern. In den Trümmern eines Wohnhauses in Kyjiw, das erst vor zwei Tagen von einer Drohne getroffen wurde, manifestiert sich das Unausweichliche: Das Leid ist kein Ereignis mehr, es ist ein Zustand geworden. Ethisch betrachtet ist dies das Zeugnis einer schleichenden Gewöhnung an das Unentschuldbare, eine Art theologische Bankrotterklärung, bei der das Gebet um Frieden zur Floskel verkommt, solange die Taten hinter den Worten zurückbleiben.
Der Kanzler zwischen den Stühlen
In Berlin versucht Bundeskanzler Friedrich Merz, den „inneren Kompass“ der Nation neu zu justieren. Während er in der Generaldebatte zum Haushalt 2026 die Unterstützung für die Ukraine um weitere 3 Milliarden auf insgesamt 11,5 Milliarden Euro aufstockte, bleibt die Frage im Raum, ob Geld allein moralische Entschlossenheit ersetzen kann. Merz spricht von „Frieden in Freiheit“ und lehnt einen Diktatfrieden kategorisch ab – eine theologische Notwendigkeit, wenn man bedenkt, dass ein Friede ohne Gerechtigkeit lediglich die Abwesenheit von hörbarem Schmerz bedeutet. Doch während er die „Brandmauer“ gegen die Ränder verteidigt, die den Stopp jeglicher Hilfe fordern, wirkt das Handeln oft wie das verzweifelte Flicken eines Dammes, während die Flut in Washington bereits die Richtung geändert hat. Es hat fast etwas von trockenem Humor, dass man Milliarden in die Verteidigung investiert, während die eigene Wirtschaft händeringend nach dem billigen Gas dürstet, das einst die moralische Kurzsichtigkeit finanzierte.
Washingtons kühles Schweigen
Jenseits des Atlantiks hat sich die Lage unter der zweiten Trump-Administration grundlegend gewandelt. Seit dem Amtsantritt im Januar 2025 gab es keine neuen großen Hilfspakete mehr aus dem Kongress. Stattdessen regiert das Prinzip „Prioritized Ukraine Requirements List“ (PURL) – ein sperriger Name für das Geschäftsmodell: Die Europäer bezahlen, die USA liefern. Washington drängt massiv auf Verhandlungen und nutzt die Militärhilfe als Hebel, um Kyjiw zu Konzessionen zu bewegen. Es ist die kühle Logik eines Immobiliengeschäfts, angewandt auf das Überleben einer Nation. Die NATO, einst das unumstößliche Versprechen kollektiver Sicherheit, trägt unter Trump ein großes Fragezeichen auf der Stirn. Aus ethischer Sicht wird hier Solidarität gegen Transaktion getauscht; wer nicht zahlt, wird zum „Schuldner“ der Sicherheit degradiert. Dass man den Frieden durch „Einfrieren“ erzwingen will, erinnert an einen Chirurgen, der die Blutung stoppt, indem er den Patienten in die Gefriertruhe legt – technisch effektiv, aber für das Überleben der Seele des Patienten eher suboptimal.
Das Paradoxon der Schattenflotte
Während die Diplomaten in Brüssel das 18. Sanktionspaket verabschiedet hatten (mittlerweile sind wir bei Nummer 20), das den Import von raffinierten Produkten aus russischem Öl nun endlich auch über Drittstaaten wie Indien unterbinden sollte, zieht in der Ostsee die russische Schattenflotte unbeeindruckt ihre Bahnen. Über 600 sanktionierte Schiffe, oft ohne ausreichende Versicherung und unter Flaggen von Kleinststaaten, transportieren das Blutgeld für Putins Kriegsmaschine direkt an der deutschen Küste vorbei. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet die EU-Staaten, die am lautesten nach Sanktionen rufen, durch ihre Reedereien und Versicherungen – zumindest bis zum Inkrafttreten der neuesten Verbote – den Transport oft erst ermöglichten. Einige EU-Länder beziehen sogar weiterhin Pipeline-Öl, als wäre die Realität ein optionales Add-on. Theologisch könnte man von einer tiefen Doppelmoral sprechen: Man reicht der Ukraine das Verbandszeug mit der rechten Hand, während man mit der linken den Treibstoff für den Panzer des Angreifers bezahlt.
Kyjiws unermüdlicher Widerstand
Trotz der Erschöpfung und des Gefühls, vom Westen als Pufferzone im Stich gelassen zu werden, bleibt der Wille in der Ukraine ungebrochen. In Kyjiw und Lwiw ist der Alltag ein ständiger Kampf gegen die Resignation. Die Menschen dort wissen, dass ein „Frieden durch Kapitulation“ lediglich die Gräberfelder vergrößern würde. Während die Kinder in den Kellern Hausaufgaben machen und Freiwillige Drohnen in Garagen zusammenschrauben, wird deutlich, dass die wahre Stärke nicht in den Bankkonten der Geberländer liegt, sondern in der existenziellen Gewissheit, dass es keine Alternative zur Freiheit gibt. Die Ukraine verteidigt die Werte, die wir in Sonntagsreden preisen, während wir uns über die Heizkostenrechnung beschweren. Es ist Zeit, dass Europa begreift: Wenn die Lichter in Kyjiw ausgehen, wird es auch im restlichen Kontinent sehr schnell sehr dunkel werden – moralisch wie politisch.
Verwendete Quellen:
- Deutschland: Zeit.de, faz.de, heute.de, welt.de, sz.de, handelsblatt.de, dw.com, bundestag.de (Protokolle 2026).
- USA: nytimes.com, cnn.com, npr.org, usatoday.com, nbcnews.com, cfr.org (Council on Foreign Relations).
- Ukraine: nv.ua (New Voice of Ukraine), zaxid.net, libmod.de (Zentrum Liberale Moderne).



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