Vier Jahre Abgrund: Eine Bestandsaufnahme zum Jahrestag

​Der 24. Februar 2026 markiert einen Tag, der im kollektiven Gedächtnis Europas inzwischen den Status einer düsteren Liturgie eingenommen hat. Vier Jahre sind vergangen, seit die ersten russischen Panzer die Grenze zur Ukraine überschritten, und während man in Kyjiw unter dem ständigen Heulen der Sirenen den Alltag zur Kunstform erhoben hat, scheint der Rest der Welt in einer Mischung aus Erschöpfung und moralischer Akrobatik gefangen zu sein. Es ist ein Jubiläum, das niemand feiern will, das uns aber zwingt, in den Spiegel einer zerbrechenden Weltordnung zu blicken.

​Das Echo der Verlogenheit und die Moral der Stille

In der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw gedenkt man heute der Opfer mit einer Stille, die lauter ist als jede politische Rede. Die Ukrinform berichtet von über 1,2 Millionen russischen Verlusten seit Kriegsbeginn – Zahlen, die so abstrakt wirken, dass sie die theologische Dimension des Leids fast verdecken. Ethisch gesehen stehen wir vor einem Trümmerhaufen: Während die Kyiv Independent von heldenhaften Rückeroberungen im Osten berichtet, bleibt die bittere Wahrheit, dass die Hilfe des Westens oft genau so dosiert wurde, dass das Sterben zwar verlangsamt, das Gewinnen aber verhindert wurde.

Man könnte fast meinen, es gäbe eine göttliche Vorsehung für Bürokratie, wenn man sieht, wie der Taurus in deutschen Lagerhallen verstaubt, während in Kyjiw Kinderkrankenhäuser unter Raketenbeschuss stehen. In Moskau hingegen scheint man sich köstlich zu amüsieren. Eine satirische, aber erschreckend treffende „Dankesrede“ Putins, die derzeit in intellektuellen Kreisen zirkuliert, bringt es auf den Punkt: Dank für die „Zeitenwende in Zeitlupe“, Dank für die 5.000 Helme zu Beginn und Dank für die moralische Unklarheit, die als Besonnenheit getarnt wurde. Es ist ein trockener Humor, der im Halse stecken bleibt, wenn man bedenkt, dass 7,2 Milliarden Euro für russisches Flüssiggas weiterhin aus der EU nach Moskau fließen – eine Form der modernen Ablasszahlung, bei der wir die Sünden der Abhängigkeit mit dem Blut anderer finanzieren.

​Amerikas Rückzug und der „Board of Peace“

​Über dem Atlantik weht ein anderer Wind. In Washington wird die Weltpolitik zunehmend wie ein Immobilien-Deal behandelt. Die New York Times und die Washington Post analysieren die Auswirkungen der zweiten Trump-Administration, deren „Board of Peace“ den Frieden nicht als moralische Notwendigkeit, sondern als schnelles Geschäft begreift. Vizepräsident JD Vance lässt keinen Zweifel daran, dass dies „nicht unser Krieg“ sei, während der Präsident selbst damit droht, die NATO abzuwickeln, falls Europa nicht endlich seine Hausaufgaben macht.

​Die Wall Street Journal weist darauf hin, dass die USA unter Trump eine globale politische Revolution anführen, die Europa von innen heraus spalten könnte. Es ist eine ethische Leere entstanden, in der das Recht des Stärkeren wieder zur Leitwährung wird. Dass die US-Regierung nun sogar ein Auge auf Grönland geworfen hat, wirkt wie eine bizarre Fußnote in einem Drehbuch, das Gott hoffentlich nur als Entwurf beiseitegelegt hat. Der Rückzug der USA lässt Europa als „schlafenden Riesen“ zurück, der zwar auf dem Papier mächtig ist, dessen Glieder aber von nationalen Egoismen gelähmt werden.

​Europa zwischen Ohnmacht und Erwachen

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2026 wird deutlich, wie tief der Riss durch den Kontinent geht. Während die Tagesschau und die Süddeutsche Zeitung über die Forderungen nach einem „Kern-Europa“ berichten, blockieren Ungarn und die Slowakei beharrlich weitere Sanktionen und Hilfsgelder. Die FAZ kommentiert trocken den Streit um die Druzhba-Pipeline, die nach Angriffen auf die Infrastruktur einige Tage lang trocken lag – ein diplomatischer Scherbenhaufen, bei dem sich Nachbarn gegenseitig die Schuld zuschieben, während der Aggressor zuschaut.

​Die Zeit und der Spiegel mahnen, dass die Zeit der Ausreden abgelaufen ist. Wenn Europa nicht lernt, eine eigene geopolitische Sprache zu sprechen, wird es zum bloßen Objekt fremder Interessen. Es ist fast schon humoristisch, wenn man sieht, wie die Europäische Zentralbank von einem ungenutzten Potenzial von 8 Billionen Euro spricht, die in Verteidigung und Innovation fließen könnten, während man in Brüssel noch darüber debattiert, ob man sich Verteidigungsanleihen leisten kann. Theologisch betrachtet gleicht das dem Versuch, mit einem Gebetbuch ein Feuer zu löschen – löblich in der Absicht, aber mangelhaft in der Wirkung.

Ein Kreuzweg ohne Ende?

​Vier Jahre nach dem Überfall steht die Welt an einem Scheideweg. In Kyjiw kämpft man nicht nur um Territorium, sondern um die Idee, dass Moral im 21. Jahrhundert noch eine Bedeutung hat. Die Welt und CNN sind sich einig: Der Ausgang dieses Konflikts wird entscheiden, ob wir in einer Welt der Regeln oder in einer Welt der Willkür leben werden.

​Vielleicht ist es an der Zeit, die „Besonnenheit“ als das zu benennen, was sie oft ist: Angst vor der eigenen Verantwortung. Gott mag den Friedfertigen das Himmelreich versprochen haben, aber die Passiven werden vermutlich erst einmal die Hölle der Geschichte durchwandern müssen. Bis dahin bleibt uns nur der Blick auf die Nachrichten und die Hoffnung, dass die nächste „Dankesrede“ aus Moskau nicht an unsere eigene Untätigkeit gerichtet ist.

Verwendete Quellen:

Deutsch:

  • ​Tagesschau (tagesschau.de)
  • ​Frankfurter Allgemeine Zeitung (faz.net)
  • ​Süddeutsche Zeitung (sueddeutsche.de)
  • ​Der Spiegel (spiegel.de)
  • ​Die Welt (welt.de)
  • ​Die Zeit (zeit.de)
  • ​Antwortseiten.org (Hintergrundinfos)

US-amerikanisch:

  • ​The New York Times (nytimes.com)
  • ​The Washington Post (washingtonpost.com)
  • ​The Wall Street Journal (wsj.com)
  • ​CNN (cnn.com)
  • ​Associated Press (apnews.com)

Ukrainisch:

  • ​The Kyiv Independent (kyivindependent.com)
  • ​Ukrinform (ukrinform.net)
  • ​NV – New Voice of Ukraine (english.nv.ua)


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