Olympia – und was sonst noch so los war

Die olympische Flamme von Milano Cortina 2026 ist gerade erst erloschen, und während in den italienischen Alpen der künstliche Schnee schmilzt, bleibt ein fader Beigeschmack von logistischer Akrobatik und ökologischem Hochmut. Die Spiele wurden von den Menschen als ein Spektakel der Distanzen wahrgenommen – ein Event, das so weit über das Land verstreut war, dass der „olympische Geist“ wohl irgendwo auf der mautpflichtigen Autobahn zwischen Mailand und Cortina d’Ampezzo im Stau stecken blieb. Während die Athleten um Millimeter kämpften, rang die Natur mit der anthropozentrischen Hybris, ganze Berghänge für zwei Wochen Ruhm umzugestalten. Es hat fast etwas Biblisches, wie wir versuchen, dem Winter  unseren Willen aufzuzwingen, nur um festzustellen, dass man Gnade nicht kaufen kann, auch nicht mit Sponsorengeldern von Luxusuhrenherstellern.

​Der Preis der Beständigkeit

​Dieser Drang nach Selbstdarstellung spiegelt sich auch in der aktuellen deutschen Debatte wider. Während man in Italien über Bobbahnen stritt, diskutiert Berlin über die ökonomische Resilienz und die moralische Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen. Die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit im Angesicht stagnierender Renten und steigender Lebenshaltungskosten ist längst keine rein politische mehr, sondern eine zutiefst ethische: Wie viel Individualismus verträgt ein Gemeinwesen, bevor das Fundament der Nächstenliebe unter der Last der Egos zusammenbricht? Es ist der klassische Tanz am Abgrund, bei dem wir hoffen, dass die Schwerkraft für uns eine Ausnahme macht, weil wir so nett um den heißen Brei herumreden können.

​In den europäischen Machtzentren wächst derweil die Erkenntnis, dass Einigkeit kein Zustand ist, den man einmal erreicht und dann im Regal verstauben lässt, sondern eine tägliche Sisyphusarbeit. Die Verteidigungswerte des Kontinents werden nicht nur am Verhandlungstisch, sondern zunehmend an der moralischen Standhaftigkeit gemessen, mit der man autoritären Tendenzen entgegentritt. Es ist die alte theologische Erkenntnis, dass Freiheit ohne Verantwortung lediglich das Pseudonym für Chaos ist – eine Lektion, die man in Brüssel und Berlin gerade auf die harte Tour lernt, während man versucht, die europäische Friedensordnung vor der Erosion zu bewahren.

​Standhaftigkeit im Osten

Diese Erosion ist nirgendwo so physisch greifbar wie in der Ukraine. In Kyjiw trotzt man weiterhin dem Zermürbungskrieg, und die Bilder der Zerstörung stellen uns täglich die Frage nach dem gerechten Krieg. Kann Gewalt heilig sein, wenn sie der Verteidigung des Lebens dient? In den Straßen von Kyjiw ist die Antwort keine akademische Abwägung, sondern eine existenzielle Notwendigkeit. Die Menschen dort zeigen eine spirituelle Widerstandskraft, die den satten Westen oft beschämt. Es ist eine Form der Hoffnung, die nicht auf Optimismus basiert – denn Optimismus wäre angesichts der Trümmer naiv –, sondern auf einem tiefen Vertrauen in die Unbeugsamkeit des menschlichen Geistes. Dass wir hier oft nur über die Liefergeschwindigkeit von Marschflugkörpern diskutieren, wirkt wie der Versuch, eine Seele mit dem Lineal zu vermessen.

​Ein Ozean voller Ambivalenz

​Über dem Atlantik zeigt sich die USA derweil als ein Land, das mit seinen eigenen Dämonen ringt. Die politische Polarisierung hat Ausmaße angenommen, die an die apokalyptischen Reiter erinnern, nur dass diese heute wahrscheinlich in gepanzerten SUVs sitzen und über soziale Medien kommunizieren. Die ethische Krise der Wahrheit, in der Fakten zu einer Frage des Glaubensbekenntnisses degradiert werden, höhlt das Vertrauen in die Demokratie aus. Wenn die „Stadt auf dem Hügel“ nur noch mit sich selbst beschäftigt ist, werfen die langen Schatten, die sie wirft, Fragen über die globale Führungsrolle auf. Es ist eine Ironie der Geschichte: Während die USA die Technologie zur Vernetzung der Welt perfektioniert haben, scheinen sie die Fähigkeit verloren zu haben, im Inneren miteinander zu sprechen, ohne den anderen direkt der Ketzerei zu bezichtigen.

​Letztlich führen alle Wege – ob von den olympischen Pisten Italiens, den politischen Fluren Berlins oder den Schützengräben bei Kyjiw – zurück zur selben Frage: Woran hängen wir unser Herz? Wenn es nur die nächste Goldmedaille, der nächste Prozentpunkt in den Umfragen oder die nächste Waffenlieferung ist, bleiben wir Gefangene der Zeitlichkeit. Wahre Größe zeigt sich vielleicht eher darin, in der Dunkelheit ein Licht anzuzünden, statt sich darüber zu beschweren, dass die Stromrechnung für das Flutlicht zu hoch ist.

Verwendete Quellen:

  • Deutschland: Tagesschau, Der Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), Süddeutsche Zeitung (SZ), Die Welt, Die Zeit.
  • USA: The New York Times, The Washington Post, CNN, The Wall Street Journal, Associated Press (AP).
  • Ukraine: Kyiv Post, Ukrinform, The Kyiv Independent.

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