„Im Anfang war das Wort“

„Im Anfang war das Wort“ – Drei Interpretationen des Johannesprologs

Von Josef Bordat

Am ersten Weihnachtstag ist er wieder „dran“: der Johannesprolog (Joh 1,1-18). Er beginnt mit den berühmten Worten „Im Anfang war das Wort“ (Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος). Weit über den Raum der Kirche hinaus ist es bekannt, etwa durch Goethes „Faust“.

Der λόγος – dieses griechische Wort steht an der Stelle, an der Luther „Wort“ übersetzte – ist zum Bedeutungsträger geworden, weit über das Wort „Wort“ hinaus. Schon Cicero unterschied im Hinblick auf Sprache „Buchstabe“ und „Geist“. Der Geist des λόγος liegt in dem, was einerseits sprachlich neben „Wort“ in „λόγος“ enthalten ist (also: Vernunft, Sinn; Logik), andererseits ergibt es sich aus der theologischen Identifizierung Jesu mit dem λόγος. λόγος ist ein „Mal“ im Sinne der Semiotik, das immer sogleich die gesamte Christologie aufruft, einschließlich Wesensgleichheit, Sohnschaft und Heil. Diese Konzepte sind alle in λόγος enthalten. 

Deswegen tut sich Faust im gleichnamigen Theaterstück Johann Wolfgang von Goethes mit einer konkreten Übersetzung von Joh 1,1 auch so schwer:

„Geschrieben steht: ‚Im Anfang war das Wort!‘

Hier stock‘ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muß es anders übersetzen,

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

Bedenke wohl die erste Zeile,

Daß deine Feder sich nicht übereile!

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,

Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat

Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!“

(aus: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 3, Hamburg 1948 ff, S. 43)

Wort, Sinn, Kraft, Tat – alles hat beim λόγος eine gewisse Berechtigung.

Schauen wir uns den Johannesprolog genauer an. Tun wir dies in drei Teilen, einer philosophischen Erörterung (Teil 1), einer theologischen Deutung (Teil 2) und einer biblischen Spurensuche (Teil 3).

Teil 1 – Philosophisches – Der Blick auf Meister Eckhart

Was mit dem Eingangsvers „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Vers 1) gemeint sein könnte, darüber gibt es viele Meinungen. Meine Deutung bezieht sich darauf, dass am Anfang eine Information da sein muss, die sich schöpferisch ausdrückt – wie ein Wort. Diese Information kommt von Gott und ist zugleich Gott. Gott schafft aus sich selbst heraus die Welt und setzt einen Anfang von Raum und Zeit.

Wie ist das Verhältnis von Gott und Wort zu denken? Mir gefällt die philosophische Deutung sehr gut, die Meister Eckhart vorgenommen hat. In seiner Schrift Expositio sancti evangelii secundum Iohannem (zu finden in: Meister Eckhart, Lateinische Werke, Bd. 3, Stuttgart 1994) deutet er Vers 1 wie folgt:

1. Das Hervorgebrachte war zuvor im Hervorbringenden und zwar in Gleichheit (darum „bei“ Gott und nicht „unter“ Gott).

2. Das Hervorgebrachte ist das Wort des Hervorbringenden (im Sinne des λόγος, der Idee; Eckhart vergleicht Gott mit einem Künstler, der eine Idee ausdrückt). Dabei ist das Wort als λόγος die „vernünftige Idee“, wie deutlich wird, wenn wir uns den lateinischen Text an der Stelle anschauen: „Et hoc est quod Graecus habet: in principium erat verbum, id est logos, quod latine est verbum et ratio“ (In Ioh., n. 4; Lat. Werke, Bd. 3, S. 6). Der λόγος ist verbum (Wort) und ratio (Vernunft). Ratio ist mehr als Idee: Es ist Grund, ist Vernunft, ist vernünftige Idee.

3. Durch die Hervorbringung wird das Hervorgebrachte verschieden vom Hervorbringenden, trotz anfänglicher Gleichheit (daraus folgert Eckhart: das Hervorgebrachte ist Sohn des Hervorbringenden, weil der Sohn die Eigenschaft hat, bei der Zeugung „ganz der Vater“, nach der Geburt aber ein eigenständiges Wesen zu sein, zumindest der Person nach, nicht aber der Natur nach).

All das ist philosophische Überlegung, ohne religiöse Dogmatik, und schon prinzipiell bei vor- bzw. nicht-christlichen Denkern wie Aristoteles und Averroes zu finden, auf die sich Eckhart bezieht. Die Deutung von Vers 1 fußt bei Meister Eckhart auf zwei Denknotwendigkeiten, die sich in der philosophischen Tradition herausbildeten:

1. Gott ist durch Erkennen. Das heißt: Gott ist, weil er erkennt. Am Anfang steht der λόγος, mit dem Gott erkennt (ratio-Anteil) und sich zugleich äußert (verbum-Anteil). Das gilt grundsätzlich: Wer hervorbringen will, muss erkennen, muss seine eigene Idee erkennen. Und wer ist, um hervorzubringen, was er erkannt hat (Gott), ist, wenn er erkannt hat, also: weil er erkennt. So ist es hier auch im Text angedeutet: Erst erkennt Gott („Wort“), dann ist Gott („Gott“). Der Terminus „Wort“ tritt hier als Sinnbild des Erkennens in Joh 1,1 vor dem Terminus „Gott“ auf: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“ (Vers 1). Im Griechischem schiebt sich θεός („Gott“) in der dritten Aussage noch vor λόγος („Wort“): Ἐν ἀρχῇ ἦν ὁ λόγος, καὶ ὁ λόγος ἦν πρὸς τὸν θεόν, καὶ θεὸς ἦν ὁ λόγος (Vers 1).

2. Die Idee geht der Sache voraus. Das heißt: Es gibt vor dem konkreten Dasein eine geistige Gestalt, die intellektuelle Grundlage des Seienden ist, die Wesenheit (quiditas). Die quiditas ist also der geistige Grund aller Dinge, ihre Wurzel und ihr Ursprung, und zwar als ihre Idee, ihr λόγος – ihr Wort. Eckhart stellt dazu fest, dass Johannes deswegen schreibe: „Im Anfang war das Wort“ (In Ioh., n. 32; Lat. Werke, Bd. 3, S. 26).

Und dann ist da noch die Sache mit Licht und Finsternis. Eckhart versucht auch hier zu zeigen, dass und wie das Johannesevangelium die Wahrheit der philosophischen Tradition enthält. So argumentiert er metaphysisch und geht dabei konzeptionell auf Aristoteles zurück: Form und Stoff sind die Prinzipien der materiellen Welt. Nur, wenn sie zusammenkommen, kann etwas entstehen. Die Form steht bei Eckhart als Wesensgestalt für die innere Einheit der Sache, der Stoff für die Vielfalt der Außenwelt. Damit nun etwas überhaupt sein kann, muss die Form sich entäußern, also zum Stoff kommen, um im Stoff zu werden, konkret und wahrnehmbar Gestalt anzunehmen. Dazu braucht es die Außenwelt, in die die Sache in ihrer Formgestalt hineinwirken muss, damit sie im Kontrast mit dem ihr Äußerlichen, dem Fremden, dem Anderen selbst werden kann. Deswegen schreibe Johannes: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis“ (Vers 5). Vgl. dazu auch Flasch, Kurt, Meister Eckhart. Die Geburt der „Deutschen Mystik“ aus dem Geist der arabischen Philosophie, München 2006, S. 117-119.

Wo, so könnte man jetzt fragen, sollte es auch sonst leuchten, das Licht, wenn es selbst werden und zugleich auch erkannt werden will? Doch nur dort, wo bisher kein Licht war, wo es dunkel ist, Finsternis. Die Differenz von Licht und Finsternis, die Andersartigkeit, hat aber nicht nur zur Folge, dass es hell wird, sondern auch hell bleibt: „die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Vers 5). Das griechische Wort κατέλαβεν (Vers 5) kann auch „aufgefunden“, „angetroffen“ und „absorbiert“ bedeuten, also: „die Finsternis hat es nicht aufgefunden, angetroffen und absorbiert“. Im Ergebnis steht: Die Finsternis bleibt dem Licht fremd, während das Licht in ihr leuchtet. Die Finsternis würde es vielleicht gerne stellen und schlucken, damit es wieder dunkel wird, aber das ist nicht möglich. In der akustischen Analogie: Das Gloria der Weihnachtsnacht ist in der Welt, bricht das Schweigen, die Sprachnot, die Funkstille, die zwischen Gott und Mensch herrschte – und wird nie wieder verklingen.

Man sieht: Auch philosophisch lässt sich aus dem Johannesprolog einiges herausholen. Eine ausführliche philosophische Analyse von Meister Eckharts Expositio sancti evangelii secundum Iohannem findet man in Flasch, Kurt, Meister Eckhart. Philosoph des Christentums, München 2010, S. 199-225.

Teil 2 – Theologisches: Der Blick auf die Christologie

Nun lade ich Sie ein, gemeinsam am Text genauer zu schauen, was darüber hinaus in diesem Evangelium gesagt wird. Über Johannes, vor allem aber über Jesus.

Johannes tritt auf, ein Mensch, der – wie es heißt – „von Gott gesandt war“ (Vers 6); dass θεοῦ (Gott) hier ohne Artikel steht, „nimmt dem Gedanken ‚Gott‘ die Bestimmtheit nicht“ (Nestle 17, S. 195). Und weiter: „Er kam als Zeuge (μαρτυρίαν, Vers 7), um Zeugnis abzulegen (μαρτυρήσῃ, Vers 7) für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen (πιστεύσωσιν, Vers 7; erhält „seinen Sinn nicht erst durch Angaben, die sagen, wen oder was man glaube“, es geht allein um „von Zweifel und Widerwillen befreiten Anschluß an den Redenden, durch den sein Wort vom Hörenden angeeignet und die Gemeinschaft mit dem Redenden begründet wird“, Nestle 17, S. 195). Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht“ (Verse 7 und 8).

Johannes bezeugt Jesus, das Licht, das in die Welt gekommen ist: „Das wahre (ἀληθινός – „wirklich und echt im Gegensatz zum trügenden Schein und vorgetäuschten Titel“, Nestle 17, S. 195) Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt“ (Vers 9). Jesus, das Licht der Welt, braucht einen Menschen wie Johannes, der auf ihn hinweist. Warum, erfahren wir kurz darauf: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum (ἴδιος – das „Eigene“, Vers 11; das, „was der Mensch als Geschöpf Gottes besitzt“, Nestle 17, S. 196), aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Verse 10 und 11), was bedeuten soll, „daß Jesus auch unter den Juden ein Fremdling geblieben sei“ (Nestle 17, S. 196).

Es scheint, als ließe die Menschheit sich nicht erleuchten, auch nicht von Jesus, von Gott, von dem sie abhängt. Gott wird von denen, die sein „Eigentum“ sind, seine Schöpfung, zurückgewiesen. Im Grunde ist also die Mission gescheitert, ehe sie beginnt. Zumindest nach menschlichem Ermessen. Gott verwandelt selbst dieses Scheitern in Gnade, wie wir wissen: Am Kreuz erlöst Jesus die, die ihn ans Kreuz schlugen.

Es gibt aber in Gottes Schöpfung auch die, die zwar „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ sind, hier unterschieden durch die Formulierungen „aus dem Blut“ bzw. „aus dem Willen des Fleisches (σάρξ, Vers 13; „umfasst alle Organe, die unter der Haut um die Knochen gelagert sind“, Nestle 17, S. 196) und „aus Gott“ (ἐκ θεοῦ, Vers 13) geboren, man könnte vielleicht sagen: zum einen die an die vergängliche, materielle Welt gebundenen und zum anderen die an Gott und seinem Wort orientierten Menschen.

Menschen, die das Wort annehmen, nehmen Gott an. Sie nehmen Gott in sich auf, indem sie sein Wort aufnehmen. Sie sind nicht mehr Kinder des Menschen, sondern „Kinder Gottes“ (τέκνα θεοῦ, Vers 12). Zumindest haben sie das Potenzial (die „Macht“, die „Autorität“ – ἐξουσία, Vers 12), sich zu Gotteskindern zu entwickeln.

„Und das Wort ist Fleisch geworden / und hat unter uns gewohnt“ (Vers 14) – jeden Tag beten wir dies dreimal – morgens, mittags, abends – im Angelus, im „Engel des Herrn“. Hier meint σάρξ („Fleisch“) schlicht „Mensch“, wobei mit dem körperlichen Ausdruck „hervorgehoben ist, daß sein Leib und die in ihm begründeten Vorgänge das Leben des Menschen, auch sein inwendiges, bis hinein in sein innerstes und heiligstes Erleben begründen“ (Nestle 17, S. 196); das zum Thema „Leibfeindlichkeit“ des Christentums. Das Werden (ἐγένετο) des Fleisches aus dem Wort deutet auf die Einheit, die „zwischen dem göttlichen Wort und dem als Fleisch lebenden Menschen Jesus“ (Nestle 17, S. 196) besteht. Im griechischen Text steht ἐσκήνωσεν (Vers 14, hier übersetzt mit „gewohnt“), was eigentlich „Zelt aufgeschlagen“ bedeutet und damit die Vorläufigkeit der Fleischesform des Wortes betont.

Weiter geht es in Vers 14 mit „und wir haben seine Herrlichkeit gesehen“. Wer ist „wir“ (ἡμῖν)? Alle, die „um Jesus geschart waren und sein Wirken vor Augen hatten“, haben seine Herrlichkeit „geschaut“ (ἐθεασάμεθα); mit dem griechischen Wort, das hier statt des „einfachen“ Sehens benutzt wird (das wäre ἴδεῖν gewesen), kommt „die in die Wahrnehmung hineingelegte eigene Aktivität des Sehenden“ (Nestle 17, S. 196) deutlicher zum Ausdruck. Es liegt also auch an jedem Einzelnen, ob er bloß sieht oder genau hinsieht, schaut. Es ist die „Herrlichkeit des einzigen (μονογενής – „einzig der Art nach“, Vers 14) Sohnes vom Vater“, die es zu erkennen gilt.

Der berühmte Vers 14 schließt ab mit „voll Gnade und Wahrheit“. Das πλήρης („voll“) bezieht sich auf den λόγος („Wort“), die „Gnade“ (χάρις) spricht von der „zum Geben und Helfen bereiten Gütigkeit Gottes“ (Nestle 17, S. 196) und die „Wahrheit“ (ἀλήθεια) meint „das Verhalten dessen, der nicht täuscht und sich nicht verbirgt, sondern sich in der Wirklichkeit seiner Güte den Menschen zeigt und das, was ihm sein Wort und sein Anblick gewährt, mit unerschütterlicher Festigkeit bewahrt und vollendet“ (Nestle 17, S. 197).

Vers 15 hebt noch einmal den Zeugnischarakter des Auftretens Johannes des Täufers hervor, der sich wirklich dafür einsetzt, dass seine Botschaft auch gehört wird, denn er „ruft“ nicht nur, sondern er „krächzt“ (κέκραγεν, Vers 15), was „den lauten Ruf dessen bezeichnet, der gehört sein will“ (Nestle 17, S. 197). Und was „krächzt“ Johannes? „Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war (πρῶτος, Vers 15 – „Erster vor mir war er“, Nestle 17, S. 197)“. Das Wort ἔμπροσθέν („vor“) bezeichnet bei Matthäus eine räumliche Lage, bei Johannes wird es auch zeitlich verwendet (Nestle 17, S. 197). Und damit wird die „gekrächzte“ Aussage etwas kryptisch: Jesus war vor ihm, kommt aber nach ihm – ein Hinweis auf das, was als Präexistenz Christi dogmatisiert wurde.

Die in Vers 12 angedeutete Entfaltungsmöglichkeit des Menschen („die Macht, Kinder Gottes zu werden“) ist ein Geschenk Gottes. Es ist Gnade – gegen die Spielregeln der Welt: „Aus seiner Fülle (πλήρωμα – „Inhalt“, Vers 16) haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus“ (Verse 16 und 17). Das Gesetz bleibt zwar bestehen (Jesus selbst legt größten Wert darauf, vgl. Mt 5,18), aber es ist nicht die Instanz der Seligkeit, Gesetzestreue ist nicht der Weg zu Gott. Dieser öffnet sich, wenn wir die Gnade annehmen, die wir von Gott geschenkt bekommen, durch Jesus Christus. Das ist neu – und schier unbegreiflich. Nur eines ist unbegreiflicher als die Gnade Gottes: Dass der Mensch sie verschmäht – damals wie heute. Denn würde Jesus heute in sein „Eigentum“ kommen – wer nähme ihn an, wer erwies sich als „Kind Gottes“?

Die heutige Perikope schließt mit den Worten: „Niemand hat Gott je (πώποτε – „jemals“; das Wort „zeigt an, daß der Satz nicht als eine metaphysische These gedacht ist, sondern den Verlauf der göttlichen Offenbarung überblickt“, Nestle 17, S. 197) gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am (εἰς „läßt an die einander zugewandte Haltung der beiden denken, die nebeneinander am Tisch liegen“, Nestle 17, S. 197) Herzen (κόλπος – „Busen“) des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht (ἐξηγήσατο – hat „dargelegt“ oder „berichtet“; die Formulierung „hebt den vom Hörer Gehorsam verlangenden Anspruch des Wortes heraus“, Nestle 17, S. 197)“ (Vers 18).

Bereits im ersten Kapitel zeigt sich, dass das Johannesevangelium das „theologischste“ aller vier Berichte über das Leben Jesu ist. Johannes will uns zeigen, wer Jesus wirklich ist, was sich über sein historisches Auftreten hinaus über ihn und seine Gottesbeziehung sagen lässt, dass nämlich hinter dem begrenzten und endlichen σάρξ namens Jesus von Nazaret der ewige λόγος Gottes steht, der sich für eine Zeit in menschliche Gestalt hüllt, sich der Welt damit gleichsam verbirgt, der aber mit seiner immerwährenden Präsenz diesen Jesus zum Christus macht. In der göttlichen Person Jesus, der als Mensch lebte und litt, werden σάρξ und λόγος zur Einheit geführt, so dass Jesus folglich ganz Mensch und ganz Gott ist, wie die Kirche 325 in Nicäa festgestellt hat.

Teil 3 – Biblisches: Der Blick ins Alte Testament

Schauen wir in einem dritten Zugang auf die biblischen Bezüge, die Johannes in seinem Prolog vornimmt. Also: Wieviel Altes Testament steckt im Neuanfang? Zweifellos: Eine ganze Menge.

Zunächst der Anfang des ersten Verses: „Im Anfang war das Wort“. Das erinnert in der Komposition freilich an den Anfang der Bibel, an den ersten Vers der Genesis: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (Gen 1,1). Diese Parallele macht deutlich: Durch den λόγος („Wort“, Vers 1), der kurz darauf als mit Gott identisch bezeichnet wird (θεὸς ἦν ὁ λόγος – „Gott war das Wort“, Vers 1) erfolgt die Schöpfung, also durch Vernunft und Information. Diese Schöpfung wird dann in Vers 3 vollständig auf den λόγος bezogen, der zugleich πρὸς τὸν θεόν („bei Gott“, Vers 2) ist, also Eigenständigkeit besitzt und daher von Gott schöpferisch ausgehen kann.

Dass am Anfang ein solcher informationaler Schöpferakt Gottes steht, ist nicht nur Thema der Genesis und des daran stilistisch anschließenden Johannesprologs, sondern wird auch im Buch der Weisheit erwähnt: „Gott der Väter und Herr des Erbarmens, / du hast das All durch dein Wort gemacht“ (Weish 9,1) und in den Psalmen besungen: „Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, / ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes“ (Ps 33,6).

Im Buch der Sprichwörter bezieht die personifizierte Weisheit als Mittlerin zwischen Gott und Mensch den Schöpfungsakt auf sich: „Der Herr hat mich geschaffen im Anfang seiner Wege, / vor seinen Werken in der Urzeit; in frühester Zeit wurde ich gebildet, / am Anfang, beim Ursprung der Erde“ (Spr 8,22-23).

Die zahlreichen Bezüge zum Alten Testament zeigen die Tradition, in die Johannes Jesus stellt, auch wenn er diese im Laufe seines Evangeliums immer mehr hinterfragt, bis hin zu Bemerkungen über das vermeintliche Versagen „der Juden“, in denen Johannes die Schuld Einzelner generalisiert. Das begründete eine neue unrühmliche Tradition, die des christlichen Antijudaismus, der in der Folge seine tragische Wirkmacht entfaltete – und bis heute entfaltet.

Die Sache mit dem Licht (Verse 4 und 5) ist ebenfalls alttestamentlich angebunden, nämlich an den Propheten Jesaja, der ganz ähnlich wie Johannes sagt: „Das Volk, das im Dunkel lebt, / sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, / strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1), bei Johannes mit der Bemerkung versehen, „die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Vers 5), d. h. die Finsternis bleibt dem Licht fremd, während dieses in ihr leuchtet.

Schließlich findet der Beginn des Verses 14 („Und das Wort ist Fleisch geworden / und hat unter uns gewohnt“) eine Entsprechung beim Propheten Ezechiel: „Ich werde mitten unter ihnen für immer mein Heiligtum errichten und bei ihnen wird meine Wohnung sein“ (Ez 37,26-27). Die Verheißung („wird meine Wohnung sein“) fand ihre Erfüllung („hat unter uns gewohnt“).

Eine erste Abgrenzung des Neuen Bundes vom Alten Bund erfolgt dann im vorletzten Prolog-Vers 17: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus“. Den Übergang vom Gesetz (νόμος – Mose, Judentum) zur Gnade (χάρις – Jesus, Christentum), der vor allem die Briefe des Apostels Paulus an die Galater und die Römer prägt, wird hier noch um die Wahrheit (ἀλήθεια) ergänzt.

Will Johannes damit sagen, das Gesetz sei „Lüge“? Ich denke nicht. Es geht wohl eher darum, dass jede Norm der Auslegung bedarf und Jesus dafür an die richtige Methodik erinnert: Gnade und Wahrheit, Aufrichtigkeit und Liebe. Johannes macht dies deutlich, wenn er im achten Kapitel die Sache mit der Ehebrecherin festhält (vgl. Joh 8,1-11).


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Kommentare

3 Kommentare zu „„Im Anfang war das Wort““

  1. Danke für diese Ausführungen. Ich schließe mich Meister Eckhart an. Das ist die Sicht auf das „Wort“, die ich nachvollziehen kann. Wie platt kommt dagegen Goethe daher. Eine Tat ohne Idee… Daran krankt die Welt!

  2. Worte, Worte, nichts als Worte…

    (die „KI“ macht´s möglich)

    1. Das ist hier ganz sicher keine KI.

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