Blockade im Mittelgang

Ein U-Bahn-Erlebnis der unhöflichen Art

Heute Morgen in der Münchner U-Bahn: Ich stehe im engen Mittelgang. In etwa zehn Sekunden wird die Bahn halten. Ich möchte mich, wie es eigentlich üblich ist, schon mal Richtung Aussteigebereich orientieren. Aber vor mir steht ein Hindernis.

​Eine Frau, etwa 35 Jahre alt. Ich sage freundlich „Entschuldigung“. Keine Reaktion. Ich sehe, dass sie Kopfhörer in den Ohren hat. Da Worte nicht helfen, tippe ich sie ganz vorsichtig einmal an. Ihre Reaktion ist alles andere als einsichtig: Sie lässt mich unwillig durch, duzt mich sofort und sagt pampig: „Entspann dich mal. Wir haben ja noch nicht angehalten.

Ich entgegne noch: „Aber ich kann doch schon mal zum Ausstieg gehen.“ Darauf kommt nichts mehr. Besonders ärgerlich: Die Frau will an der Station gar nicht aussteigen. Sie fährt einfach weiter, blieb aber stur im Weg stehen. Ich habe die Situation nicht eskalieren lassen, aber ihr Verhalten empfand ich als ziemlich rücksichtslos.

Analyse: Warum „Entspann dich“ hier fehl am Platz ist

​Betrachtet man diese Situation von außen, prallen hier vorausschauendes Handeln und Egozentrik aufeinander. Das Verhalten der Frau ist aus mehreren Gründen problematisch für das Miteinander im Nahverkehr:

  1. Die Kopfhörer-Falle: Wer sich im öffentlichen Raum akustisch komplett abschottet, gibt die Verantwortung an die Umgebung ab. Man bekommt schlicht nicht mit, was um einen herum passiert. Wer so reist, muss damit rechnen, angetippt zu werden. Es ist falsch, sich so zu verhalten, als wäre man allein im Wohnzimmer, während man im engsten öffentlichen Raum steht.
  2. Soziale Unlogik: Ihre Aussage, man habe ja noch nicht angehalten, ist zwar faktisch richtig, aber im dichten Berufsverkehr sozial falsch. In einer vollen Großstadt-U-Bahn muss man sich vor dem Halt bewegen. Würden alle warten, bis der Zug steht, würde der Fahrgastwechsel doppelt so lange dauern. Der Wunsch, zur Tür zu gehen, war also völlig legitim und im Sinne der Allgemeinheit.
  3. Blockade ohne Grund: Dass sie nicht einmal aussteigen wollte, macht die Sache schwerwiegender. Wer im Mittelgang steht und nicht aussteigt, muss zwingend Platz machen oder kurz mit aussteigen, um den Weg freizumachen. Sie hat ihren Komfort über den Ausstiegswunsch anderer gestellt.

Das psychologische Manöver

​Der Spruch „Entspann dich mal“ ist in diesem Kontext eine Form von Schuldumkehr. Sie dreht den Spieß um: Nicht sie ist im Weg und unaufmerksam, sondern das Gegenüber ist angeblich zu gestresst. Damit schützt sie ihr eigenes Selbstbild. Sie muss sich nicht entschuldigen, weil sie den anderen zum „Drängler“ macht. Das ist unfair, aber ein sehr verbreiteter Schutzmechanismus, wenn Leute bei Fehlverhalten ertappt werden.

Strategien für das nächste Mal

​Genau in diesem Moment, wenn man sich zu Unrecht zurechtgewiesen fühlt, hilft Schlagfertigkeit. Anstatt den Ärger hinunterzuschlucken, kann man den Ball freundlich, aber bestimmt zurückspielen:

  • ​„Ich entspanne mich gerne, sobald ich an der Tür bin. Darf ich kurz vorbei?“ – Das entkräftet den Vorwurf des Gestresstseins sofort.
  • ​Wer es etwas deutlicher mag: „Kein Stress, ich wollte nur sichergehen, dass ich nicht stolpere, wenn die Bahn bremst.
  • ​Und wenn offensichtlich ist, dass die Person gar keine Anstalten macht, Platz zu machen: „Entschuldigung, ich habe keinen Röntgenblick – ich wusste nicht, dass Sie nicht aussteigen.

Was bleibt

​Solche Situationen zeigen, wie dünn der Faden der Rücksichtnahme im Alltag sein kann. In einer funktionierenden Gesellschaft – und besonders im engen Nahverkehr – funktioniert das Miteinander nur, wenn man mitdenkt. Wer sich isoliert und dann pampig wird, wenn andere einfach nur vorbei wollen, bricht diesen ungeschriebenen Vertrag. Die Regel bleibt einfach: Der Weg zur Tür gehört freigemacht, bevor die Bahn steht.


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