Ein Kreuz, das keiner wollte…

Jeder kennt ihn, jeder sieht ihn: den Berliner Fernsehturm. Stolz ragt er in den Himmel, ein Wahrzeichen, das man von fast überall in der Stadt erspähen kann. Er war der ganze Stolz der DDR – ein Symbol für Fortschritt, für die Stärke des Sozialismus. Man wollte der Welt und vor allem dem Westen zeigen: Schaut her, was wir können!

Doch die Sonne, ja, die liebe Sonne, hatte da so ihre eigenen Pläne. Und die waren dem atheistischen Staat ein gewaltiger Dorn im Auge. Wenn nämlich die Sonnenstrahlen in einem bestimmten Winkel auf die glänzende Kugel treffen, passiert etwas, das die Planer wohl nicht auf dem Zettel hatten: Es erscheint ein riesiges, leuchtendes Kreuz aus Licht, das über der Stadt erstrahlt.

Man stelle sich das mal vor! Da baut man mit riesigem Aufwand ein Monument, um die Überlegenheit des eigenen, gottlosen Systems zu demonstrieren, und am Ende prangt darauf das zentrale Symbol des Christentums. Das war für das SED-Regime natürlich ziemlich peinlich. Der Berliner Volksmund, immer für einen guten Spruch zu haben, taufte das Phänomen prompt „Rache des Papstes“. Andere nannten es auch spöttisch „Sankt Walter“, in Anlehnung an den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, unter dem der Bau begonnen wurde.

Gerüchten zufolge soll es sogar Versuche gegeben haben, das Kreuz loszuwerden. Man soll mit verschiedenen Farben und Beschichtungen experimentiert haben, doch nichts half. Die Reflexion war einfach eine Folge der Architektur. Man konnte die Physik nicht überlisten.

Heute, viele Jahre später, ist der Turm ein Symbol für das vereinte Berlin. Und das Kreuz? Das ist immer noch da. Es ist keine politische Provokation mehr, sondern einfach eine faszinierende und leicht ironische Anekdote. Ein kleines, himmlisches Augenzwinkern in der Geschichte einer Stadt, die schon immer ihre eigenen Regeln geschrieben hat.


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