Das Erbe von Trumps Dauershow

Kann sich Amerikas nächster Präsident überhaupt noch leisten, langweilig zu sein?

Stellen wir uns für einen Moment das Unvorstellbare vor: Es ist Januar 2029, und die Ära Trump II geht zu Ende. Nach Jahren, in denen das Oval Office zur permanenten Reality-Show-Bühne umfunktioniert wurde, in der jede politische Entscheidung weniger ein sachlicher Regierungsakt als vielmehr der Cliffhanger für die nächste Folge war, steht ein neuer Präsident oder eine neue Präsidentin bereit. Doch was für ein Amt erbt diese Person eigentlich? Ist es noch das mächtigste politische Amt der Welt oder eher der Job eines politischen Zirkusdirektors, dessen Hauptaufgabe es ist, die Manege am Laufen zu halten?

Donald Trump hat die Spielregeln nicht nur geändert, er hat das Spielfeld angezündet und tanzt auf der Asche. Es ging nie primär um die Effektivität seiner Politik. Es ging um die Inszenierung. Jeder Tag brachte einen neuen Tweet, eine neue Kontroverse, eine neue „Sau, die durchs Dorf getrieben wird“. Das politische Washington und mit ihm die ganze Welt wurden unter ein Dauerfeuer aus permanentem Spektakel, Empörung und Breaking News genommen. Das Ergebnis: Die Erwartungshaltung hat sich fundamental verschoben.

Ein potenzieller Nachfolger, nennen wir ihn der Einfachheit halber den „Anti-Trump„, steht vor einem gewaltigen Problem. Stellen wir uns einen Kandidaten vor, der solide, kompetent, erfahren und – man wagt es kaum auszusprechen – vielleicht sogar ein bisschen herrlich langweilig ist. Jemand, der glaubt, man könne die Bevölkerung mit einem 50-seitigen Plan zur Reform der Gesundheitsversorgung überzeugen. In der Post-Trump-Ära könnte genau das sein Todesurteil sein.

Die Medien, jahrelang süchtig nach der Droge Trump, die ihnen Rekord-Einschaltquoten und Klickzahlen bescherte, wüssten gar nicht, was sie mit so jemandem anfangen sollen. Eine Pressekonferenz ohne persönliche Beleidigungen? Ein Staatsbesuch ohne diplomatischen Eklat? Eine politische Ankündigung, die nicht in 140 Zeichen passt? Gähnende Leere im Presseraum wäre die Folge. Der größte Gegner eines neuen, seriösen Präsidenten wäre nicht die Opposition, sondern schlicht und ergreifend die Einschaltquote. Die Öffentlichkeit wurde darauf konditioniert, Politik als Unterhaltung zu konsumieren. Ein Präsident, der einfach nur „arbeitet“, läuft Gefahr, als irrelevant abgestempelt zu werden.

Was also tun? Die satirische Antwort liegt auf der Hand: Der nächste Präsident muss die Show übertrumpfen.

  • Wirtschaftsreformen werden nicht mehr im Kongress, sondern bei „America’s greatest talent“ vorgestellt.
  • Internationale Verträge werden live als Reality-Show verhandelt, inklusive wöchentlicher Rauswahl-Runden für unliebsame Diplomaten.
  • Der Nationale Sicherheitsberater wird per Online-Voting bestimmt.

So absurd das klingt, es trifft einen wahren Kern. Die Methoden der politischen Kommunikation wurden unwiderruflich verändert. Ein Nachfolger kann nicht einfach zur Tagesordnung von 2015 zurückkehren. Er oder sie wird ein Hybrid sein müssen: Einerseits fähig, das Land tatsächlich zu regieren, andererseits aber auch ein Meister der Aufmerksamkeitsökonomie, der versteht, wie man eine Botschaft in einer völlig überreizten Medienlandschaft platziert, ohne dabei die eigene Würde komplett über Bord zu werfen.

Die wahre Herausforderung für den 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten wird also nicht nur darin bestehen, politische Gräben zuzuschütten oder internationale Beziehungen zu kitten. Die größte Aufgabe wird sein, die Würde und Seriosität des Amtes wiederherzustellen, ohne die Bevölkerung dabei zu Tode zu langweilen. Es ist ein Kampf nicht nur um politische Macht, sondern um die Seele des Präsidentenamtes selbst. Und es ist völlig unklar, ob das Publikum nach vier weiteren Jahren Dauerspektakel überhaupt noch bereit ist, das Ticket für eine andere Vorstellung zu lösen.


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