
Warum Vergeltung verlockt, aber nur Fairness heilt
Das in der ZEIT veröffentlichte Interview mit dem Historiker Moshe Zimmermann über Israels Kriegsziele wirft eine grundlegende Frage auf, die weit über den aktuellen Konflikt hinausreicht.
Es ist die Überlegung, dass Gewalt zwar eine kurzfristige Reaktion sein kann, um Stärke zu demonstrieren und sich zur Wehr zu setzen, langfristiger Friede jedoch eine andere Währung benötigt: Gerechtigkeit und das Gefühl von Fairness.
Diese Gegenüberstellung von kurzfristiger Vergeltung und langfristiger Heilung lässt sich psychologisch tief ergründen.
1. Die kurzfristige „Lösung“: Gewalt als psychologischer Schutzmechanismus
Wenn eine Person oder eine Gruppe einen Angriff oder eine tiefgreifende Demütigung erfährt – wie es der 7. Oktober 2023 für Israel war –, löst dies massive psychologische Reaktionen aus: Ohnmacht, Angst, Wut und einen tiefen Schock für das Selbst- und Sicherheitsgefühl.
- Wiederherstellung von Kontrolle: Gewalt ist in diesem Moment oft eine instinktive Reaktion, um aus der passiven Opferrolle auszubrechen. Sie verwandelt das Gefühl der Ohnmacht in Handlungsmacht. Man wird vom Erleidenden zum aktiven, handelnden Akteur. Dieser Rollenwechsel verschafft eine kurzfristige, aber sehr wirksame psychische Erleichterung. Man beweist sich und dem Gegner: „Wir sind nicht wehrlos.“
- Die Logik der Abschreckung: Der Gedanke, „klar zu machen, dass man sich nicht alles gefallen lässt“, beschreibt perfekt das psychologische Ziel der Abschreckung. Die Botschaft lautet: „Ein Angriff auf uns hat unerträgliche Konsequenzen.“ Dies soll zukünftige Angriffe verhindern und ein Gefühl der Sicherheit für die Zukunft schaffen. Kurzfristig kann diese Demonstration von Stärke das Sicherheitsgefühl tatsächlich stärken.
2. Warum Gewalt langfristig scheitert: Der Teufelskreis der Eskalation
Die psychologische Wirkung von Gewalt ist jedoch nicht einseitig. Während die eine Seite sie als notwendige Reaktion und Wiederherstellung von Stärke empfindet, erlebt die andere Seite sie als neues Trauma, als neue Ungerechtigkeit und als vermeintlichen Beweis für die Bösartigkeit des Gegners.
- Spiegelbildliche Opferrollen: Die Gegengewalt erzeugt auf der anderen Seite genau die gleichen Gefühle von Ohnmacht, Wut und Demütigung. Dies schafft ein dringendes Bedürfnis nach Rache und Vergeltung. Jede Seite sieht sich nun im Recht und als das eigentliche Opfer. Das Ergebnis ist ein Teufelskreis der Eskalation, in dem Gewalt immer neue Gewalt hervorbringt.
- Verrohung und emotionale Abstumpfung: Wie Moshe Zimmermann es beschreibt, führt die ständige Konfrontation mit Gewalt zu einer Normalisierung und emotionalen Abstumpfung. Um sich selbst zu schützen, wird die Empathie für das Leid des „Anderen“ reduziert oder ganz abgeschaltet. Das Denken verhärtet sich, und friedliche Lösungen erscheinen naiv oder schwach. Die Überzeugung, dass nur mehr Gewalt hilft, verfestigt sich.
3. Die nachhaltige Lösung: Das Grundbedürfnis nach Gerechtigkeit
Dass nur Gerechtigkeit langfristigen Frieden schafft, ist psychologisch von zentraler Bedeutung. Der Mensch hat ein tiefes, angeborenes Bedürfnis nach Fairness und Vorhersehbarkeit.
- Gerechtigkeit als Vertrauensbasis: Frieden ist psychologisch gesehen ein Zustand des Vertrauens. Man vertraut darauf, dass man sicher ist, dass die eigenen grundlegenden Rechte respektiert werden und dass man eine Zukunft hat. Gewalt zerstört dieses Vertrauen radikal. Gerechtigkeit hingegen stellt es wieder her. Sie schafft eine verlässliche Grundlage, auf der beide Seiten aufbauen können.
- Anerkennung und Heilung: Gerechtigkeit bedeutet mehr als nur die Abwesenheit von Gewalt. Sie beinhaltet die Anerkennung des Leids der anderen Seite. Solange eine Gruppe das Gefühl hat, dass ihr Schmerz, ihre Geschichte und ihre grundlegenden Bedürfnisse ignoriert werden, bleibt der psychologische Nährboden für den Konflikt bestehen. Echter, nachhaltiger Friede ist erst dann möglich, wenn das Gefühl, grundlegend ungerecht behandelt zu werden, verschwindet. Dann lässt auch der Drang zur gewaltsamen Vergeltung nach, weil die Wunde nicht mehr offen ist, sondern heilen kann.
Daher lässt sich feststellen: Gewalt ist eine trügerische Abkürzung. Sie befriedigt kurzfristig starke psychologische Bedürfnisse nach Kontrolle und Sicherheit, aber sie vergiftet langfristig das soziale Klima und schafft neue Traumata. Gerechtigkeit ist der mühsame, aber einzig heilsame Weg, weil sie das fundamentale menschliche Bedürfnis nach Anerkennung und Fairness befriedigt und so den Teufelskreis der Gewalt durchbrechen kann.



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