Fasten, KI und diplomatisches Fastfood

​Während die Welt sich im Jahr 2026 immer schneller zu drehen scheint, haben wir im Februar eine seltene astronomische und spirituelle Konstellation: Ramadan und die christliche Fastenzeit überschneiden sich fast taggenau. Das sorgt für eine kollektive Phase der Entsagung, die manchen Zeitgenossen angesichts der globalen Lage ohnehin wie ein Dauerzustand vorkommt. Theologisch betrachtet ist dieses Zusammentreffen eine Steilvorlage für den interreligiösen Dialog, doch in der Praxis zeigt sich oft, dass der Verzicht auf Schokolade oder Fleisch einfacher ist als der Verzicht auf das eigene Dogma.

​Römische Standhaftigkeit und amerikanische Träume

​Im Vatikan weht unter Papst Leo XIV. – dem ersten US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri – ein Wind, der zwar transatlantisch duftet, aber keineswegs alles absegnet, was aus Washington kommt. Jüngst hat der Heilige Stuhl dem von der Trump-Administration initiierten Friedensrat für Gaza eine Absage erteilt. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin begründete dies trocken mit der „besonderen Natur des Heiligen Stuhls“ und verwies darauf, dass man für globale Konfliktlösungen doch bitteschön die Vereinten Nationen nutzen solle. Es ist eine fast schon ironische Pointe der Kirchengeschichte, dass ausgerechnet ein US-Papst die moralische Brandmauer gegen das diplomatische Fastfood seiner Heimat zieht. Währenddessen zeigt Leo XIV. im Inneren eine Härte, die mancherorts für Schnappatmung sorgt: Der Dialog mit den Piusbrüdern (SSPX) stockt, weil Rom das Zweite Vatikanische Konzil als nicht verhandelbar markiert hat. Wer geglaubt hatte, ein amerikanischer Papst würde die katholische Lehre in ein liberales Wellness-Programm verwandeln, sieht sich getäuscht – die Institution bleibt so beweglich wie ein Gletscher, nur dass dieser hier nicht zu schmelzen gedenkt.

​Winter in Kyjiw und vergessene Krisen

​Einige tausend Kilometer weiter östlich, in Kyjiw, bereiten sich die Menschen auf den härtesten Winter seit Kriegsbeginn vor. Die Diakonie Katastrophenhilfe und der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) warnen eindringlich vor nachlassender Hilfsbereitschaft. Es ist eine ethische Bankrotterklärung, wenn die christliche Solidarität genau dann einfriert, wenn die Heizungen in der Ukraine ausfallen. Theologisch stellt sich hier die Frage nach der „Nachfolge“: Besteht sie darin, Friedensmotive für Aktionsjahre zu wählen, oder darin, Generatoren zu finanzieren? Während man in Deutschland über das Kopftuchverbot bei der Polizei streitet und die Berliner Gewerkschaften auf staatliche Neutralität pochen, kämpfen Glaubensgeschwister in Myanmar buchstäblich ums Überleben. Der ÖRK verurteilte jüngst die Angriffe der Militärjunta auf mennonitische Dörfer. Man sieht: Während wir uns hierzulande über die Sichtbarkeit von Stofffetzen im Dienstgrad echauffieren, wird andernorts die Religionsfreiheit mit Artillerie diskutiert.

​Das Geschäft mit der Moral

​Interessant ist ein Blick auf die harten Zahlen: Die globale islamische Sozialabgabe Zakat wird aktuell auf bis zu 600 Milliarden Dollar jährlich geschätzt – das Vierfache des gesamten Entwicklungshilfebudgets der G7-Staaten. Das rückt die westliche „Doppelmoral“, die Nobelpreisträger Denis Mukwege jüngst kritisierte, in ein neues Licht. Wir leisten uns den Luxus, ethische Standards zu predigen, während die religiöse Basisarbeit im globalen Süden längst die ökonomische Führung übernommen hat. In Deutschland hingegen schrumpft die akademische Basis: Die Zahl der Theologiestudierenden sinkt weiter, während gleichzeitig in Frankreich ein überraschendes Interesse an Priesterseminaren vermeldet wird. Vielleicht liegt es daran, dass die deutsche Vorliebe für die Selbstsäkularisierung, wie der Theologe Ralf Frisch warnt, die Kirche als Marke so profillos macht, dass selbst Algorithmen sie nicht mehr finden.

​Erlösung durch Algorithmen?

​Apropos Algorithmen: Der Ökumenische Rat der Kirchen beschäftigt sich Ende Februar in einem Webinar mit den Risiken von Künstlicher Allgemeiner Intelligenz (AGI). Es ist nur konsequent, dass die Theologie nun versucht, den „Geist in der Maschine“ zu exorzieren oder zumindest zu taufen. Wenn die KI irgendwann die Sündenregister führt, wird die Beichte vermutlich per App und in Echtzeit abgerechnet. Bis dahin müssen wir uns mit menschlichen Unzulänglichkeiten begnügen – wie etwa dem Streit in Israel über neue Siedlungspläne in Jerusalem oder der Debatte über christlichen Nationalismus in den USA, der laut Studien bei einem Drittel der Amerikaner Anklang findet. Es bleibt dabei: Religion ist entweder der Kleber der Gesellschaft oder der Sprengstoff – je nachdem, wer gerade das Zündholz hält.

Quellen:

  • Katholisch.de: Meldungen zu Papst Leo XIV. und den Piusbrüdern (Februar 2026)
  • Evangelisch.de: Berichte der Diakonie zur Ukraine und zur Friedensdekade
  • The Tablet: News on Myanmar and French seminaries (18./19.02.2026)
  • Religion Media Centre: Statistics on Zakat and Church of England growth claims
  • Jüdische Allgemeine: Berichte über Jerusalem-Siedlungspläne und Antisemitismus in Spanien
  • IslamiQ: Debatte über Kopftücher bei der Berliner Polizei und Ramadan-Beginn
  • Sonntagsblatt: Essay von Ralf Frisch zur Säkularisierung
  • Ökumenischer Rat der Kirchen (WCC): Stellungnahmen zu Myanmar und AGI-Webinar


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