Isarklinikum München. „Mehr als eine Klinik“ ?

Eine Klinik, die mit einem Spruch wie in der Überschrift für sich wirbt, muss irgendwo scheinbar etwas anders machen, als andere Kliniken. Aber was ist anders an dieser Klinik?

Es folgt die Geschichte einer fast 79 jährigen Frau, die einen Pflegegrad hat, die gehbehindert ist, die schwankt und deswegen einen Gehwagen braucht, um nicht zu stürzen, und die seit Monaten einen Termin im Beckenbodenzentrum des Isarklinikums München gebucht hatte, weil sie bedrückende gesundheitliche Probleme hat. Es folgt also die Geschichte einer Frau, die, wie wohl die meisten Patient*innen, abhängig ist von der medizinischen Hilfe von Spezialist*innen.

Die alte Dame organisiert weit im Vorfeld eine Freundin, selbst 83 Jahre alt, die sie begleiten soll. Sie soll ihr helfen, ihr Anliegen zu formulieren und sie soll ihr helfen, heile in der Klinik anzukommen und heile wieder nach Hause zu kommen.

Die betagte Frau organisiert ein Taxi, mit dem die beiden von einem münchner Vorort etwa 45 Minuten lang in die Stadt fahren und ebenso lange wieder zurück. Eine kostspielige Sache. Aber wegen der Gehbehinderung sind die öffentlichen Verkehrsmittel kein Mittel der Wahl.

Um rechtzeitig zu dem Termin um 10:30 Uhr erscheinen zu können, steht die 79-Jährige bereits um 5 Uhr früh auf, denn die Abläufe in ihrem Leben dauern Zeit und sind beschwerlich.

Endlich erreichen die beiden Seniorinnen das Beckenbodenzentrum in der Sonnenstraße. Dort soll ein Vorgespräch von nur etwa 30 Minuten für eine mögliche Folgebehandlung stattfinden, deswegen dieser Termin.

Die Damen im Empfang sind jedoch nicht sonderlich kooperativ, weil die alte Patientin zwar ihren Impfpass dabei hat (Pandemie), aber leider nicht die Versicherungskarte ihrer Krankenversicherung. Da hilft alles Reden und Bitten und Flehen nichts. Die Damen am Empfang bleiben hart. Sie brauchen die Versicherungskarte. Auf die Bitte, die Damen am Empfang könnten vielleicht bei der Krankenversicherung nachfragen, reagieren sie ablehnend. Sie dürften das nicht. Vorschrift von oben. Vorschrift sei Vorschrift, da könne man nichts machen. Kafka hätte seine Freude.

Die beiden Damen, 79 Jahre, gehbehindert, und die 83-jährige Dame, fahren wieder mit dem Taxi nach Hause, 45 Minuten lang, es ist teuer. Es ist lang. Die Beine schwellen an. Zu Hause kann die 79-Jährige fast nicht mehr laufen, die Füße schmerzen, die Beine sind voller Wasser. Dann erzählt sie mir davon.

Das Ganze ist ein ethisches Thema, deswegen interessiert es mich. Und es interessiert mich nicht nur, ich finde es unglaublich. Mitten im reichen Deutschland, mitten im reichen München. „Mehr als eine Klinik“. Ist das dieses Mehr an Klinik?

Ich klemme mich ans Telefon und lasse mich zur Abteilung des Beckenbodenzentrums durchstellen. Eine freundliche Frauenstimme am Empfang erklärt mir, da könne man nichts machen, das sei eben Vorgabe von ganz oben, angeblich vom Chef des Krankenhauses, – dem ehemaligen erfolgreichen Rechtsanwalt Andreas Arbogast, der, wie ich herausfinde, nun scheinbar sein Geld im Gesundheitswesen verdient. Aber zu diesem könne man natürlich keinen Kontakt aufnehmen.

Ich frage in unserer Familie nach, in der es auch Ärzte mit Arztpraxen gibt. Ich höre, dort gebe es etwa zweimal die Woche denselben Fall, dass nämlich jemand seine Versicherungskarte nicht dabei hat. Nein, dort sei noch nie jemand nach Hause geschickt worden. Man ist fassungslos. Ich höre, es gebe viele Möglichkeiten, wie man in einem solchen Fall verfahren könne. Man könne beispielsweise 100 € als Pfand hinterlegen lassen, bis die Versicherungskarte nachgereicht wird. Oder man könne die Patientin bitten, selbst bei der Krankenversicherung anzurufen, die dann ihrerseits den Versicherungsnachweis an die Praxis schickt. Aber heimgeschickt wird hier niemand.

Im Isarklinikum aber durchaus. „Mehr als eine Klinik“. Worin aber besteht dieses Mehr dieser Klinik? Ein Mehr an Weniger Service, Weniger Achtung vor der Würde des Menschen, Weniger Rücksicht? Ein Mehr an bloßer Profitorientierung? Ein Mehr an bloßer Bequemlichkeit?

Es habe in der Vergangenheit irgendwelche Probleme gegeben, so erklärte mir die freundliche Frauenstimme am Telefon, drum könne das Beckenbodenzentrum niemanden ohne Versicherungskarte behandeln. Das tue der Frauenstimme auch sehr leid. Patient*innen hätten einfach die Pflicht, ihre Versicherungskarte dabei zu haben.

Ich rufe noch einmal beim Beckenbodenzentrum an und erfrage, wer die Leitung dieser Abteilung ist. Warum ich das wissen wolle, werde ich gefragt. Ich sage, ich bräuchte es für die Presse. Auf einmal wird die Frauenstimme am anderen Ende des Telefons zuvorkommend. Frau Prof. Dr. med. Ursula Peschers habe die Leitung des Beckenbodenszentrums inne, welches zum Fachbereich Gynäkologie gehört. Die Stimme am Telefon verbindet mich. Frau Dr. Peschers sei aber offensichtlich noch im OP, so heißt es, die Stimme am Telefon ist wieder da und teilt mir dies mit. Ich hinterlasse meine Nummer, damit Frau Dr. Peschers zurückrufen kann, falls sie irgendwann in der Zukunft den OP verlassen sollte.

Zwar ist god.fish mit seinen 70.000 Lesern im Jahr nur ein kleiner Teil dessen, was man als Presse bezeichnen könnte. Aber dennoch kann man derartiges aus ethischer Sicht nicht einfach so stehen lassen. Denn es dürfte die 79-Jährige Dame nicht die Einzige sein, der ähnliches widerfahren ist. Aber sie ist zumindest eine, die Fürsprecher im Hintergrund hat.

Ich überlege mir, ob das Isarklinikum seinen Werbespruch nicht vielleicht ändern sollte, denn „Mehr als eine Klinik“ wirkt vor diesem Hintergrund irgendwie unpassend und unseriös.

7.6.2021 Nachtrag: wie es weiterging

Am nächsten Tag meldete sich Frau Prof. Dr. med. Peschers per E-Mail und teilte mit, dass sie in ihrer Abteilung den Vorfall sehr ernst nehme und der Sache nachgehen wolle. Dies hat sie offensichtlich auch getan. Zwar sei es natürlich einerseits die Pflicht von Patientinnen, ihre Krankenversicherungskarte dabei zu haben, aber die Mitarbeiterinnen seinen nun dementsprechend informiert worden, wie man in ähnlichen Fällen alternativ handeln kann, um derartige Härten zu vermeiden. Es sei ihr ein großes Anliegen, Patientinnen optimal zu betreuen und zu beraten, der Fokus dabei liege auf der Menschlichkeit.

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