Theorien zum Bewusstsein. Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie.

Mit dem Bewusstsein ist es so eine Sache. Jeder scheint eines zu besitzen, so glauben wir zumindest, aber keiner weiß, was es ist.

Es ist auch schwer zu erklären. Es gibt sogar die absurde Vorstellung, das Bewusstsein sei angeblich nur eine Einbildung.

Wenigstens diese Behauptung ist leicht mit Logik zu widerlegen, denn wenn es eine Einbildung sein sollte, dann wäre ja die Frage, für wen. Insofern wäre dort wieder ein Subjekt oder ein Ich, welches diese Einbildung haben müsste.

Das Problem des Materialismus

Der Materialismus, der Materie so denkt, als bestehe sie aus kleinen Steinchen, hat ein Problem mit dem Bewusstsein und kann es nicht erklären. Denn kleine Steinchen untereinander können kein Bewusstsein haben, sondern höchstens ein komplexes Reiz-Reaktions-Schema bilden. Wäre also dieser reine Materialismus wahr, dann wären wir Menschen eine Art Zombies, die kein Innenleben hätten. Zombies, bei denen im Kopf gewissermaßen niemand zu Hause wäre, sondern die nur aufgrund von Reizen und Reaktionen durch die Welt stolzieren würden.

Dass dies nicht so ist, spüren wir selber und wissen wir.

Wie ist es also dann mit dem Bewusstsein? Wenn im reinen Materialismus kein Platz für das Bewusstsein ist, kann dieser Materialismus nicht wahr sein.

Dualismus als Lösung ?

In der Folge kommt man zur Vorstellung von einem Dualismus. Kann es sein, dass Materie und Geist zweierlei Dinge sind, die irgendwie miteinander interagieren?

Dies könnte zwar sein, allerdings kann man die Schnittstelle nicht finden, an welcher diese Interaktion stattfinden soll. Von daher ist auch ein Dualismus von Geist und Materie mit einem großen Fragezeichen zu versehen.

Monismus als Lösungsansatz

Als letzte Möglichkeit bleibt dann nur noch ein Monismus, demzufolge es nur eine einzige Substanz gibt, die wir dann Geist oder das Geistige nennen könnten. Alles wäre gewissermaßen Geist. Das ganze Universum. Es gibt Astrophysiker, die das Universum als etwas Geistiges einschätzen.

Wären wir bei einer derartigen monistischen Vorstellung angelangt, hätten wir gewisse Probleme bei der Erklärung von gewissen Phänomenen nicht mehr.

Das gesamte Universum wäre etwas Geistiges und wir hätten dementsprechend auch kein Problem damit, dass es plötzlich aus dem Nichts entsteht, durch den Urknall. Es wäre entstanden wie ein Gedanke. Mit einem einzigen Gedanken war es plötzlich da.

Hier würde dann die Philosophie und Theologie ansetzen und fragen, wer denn diesen Gedanken gedacht haben könnte.

Philosophie und Theologie als mögliche Ergänzungskonzepte der Naturwissenschaft

Die altgriechische Philosophie nach Platon würde wohl sagen, dass hinter allem eine Art Reich der Ideen und eine Weltseele stecken könnte, die christliche Theologie würde wohl sagen, dass es Gott ist, der hinter dieser geistigen Welt steht. Dementsprechend wäre das Universum und alles, was es gibt, gewissermaßen ein Gedanke Gottes.

Wenn wir bei dieser Vorstellung etwas weiter denken wollen, kämen wir wahrscheinlich wieder bei Platon vorbei. Seiner Vorstellung nach ist die menschliche Seele, die er postuliert, eine, die in einen menschlichen Körper wie in ein Gefäß kommt, wenn dieser Körper geboren wird. Fortan denkt die Seele in den Kategorien dieses Körpers bzw dieses Gehirns. Stirbt der Körper, kehrt die Seele zurück in die ewige Weltseele.

Christlich gedacht würde die Seele zurückkehren zu Gott und in Gott, in dessen Gedanken sie ohnehin schon immer war und ist.

Folgt man dieser Vorstellung etwas weiter, könnte man überlegen, ob sie zu neutestamentlichen Berichten passen oder zumindest damit zu vereinbaren ist.

Jesus, der gestorben ist nach seiner Kreuzigung, dann am dritten Tag aber wieder auferstanden, könnte in dieser Vorstellung seelisch oder geistig gedacht werden. Es käme dann nicht darauf an, dass der menschliche biologische Körper wieder auferstanden wäre, sondern das, was nicht im Tod geblieben ist, wäre gewissermaßen das Geistige oder die Seele, die Jesus ausgemacht hat.

Denn ein biologischer Körper, der wieder aufersteht, hätte ja ohnehin das Problem, dass er irgendwann, zumindest biologisch gedacht, dann wieder sterben würde und müsste. Insofern ist die geistige oder seelische Vorstellung hier eine, die theologisch auch in unserer Zeit gut vermittelt werden könnte.

Das, was Jesus ausgemacht hat, seine Seele oder der Geist Gottes, lebt weiter. Und auch wir dürfen dieser Vorstellung nach darauf hoffen, dass es bei uns auch so laufen kann, wenn wir an Gott glauben. Vielleicht sogar dann, wenn wir nicht an Gott glauben, aber christlich gedacht ist es zumindest ein Postulat, dass man an ihn glaubt.

Biblische Schlussfolgerungen

Auch die Perikope mit den Emmausjüngern lässt sich leichter erklären, wenn man einen derart geistigen Hintergrund annimmt.

Nach dem Tod und der Kreuzigung Jesu gehen zwei Jünger, ziemlich bedrückt, nach Emmaus, welches von Jerusalem nicht allzu weit entfernt ist. Ein dritter Mann gesellt sich zu ihnen, den sie nicht kennen. Aber nach und nach erkennen sie an seinem Wesen, an dem, was er sagt und wie er es sagt und wie er handelt, dass es sich um Jesus handelt. Jesus zeigt sich gewissermaßen in einem Menschen, aber das, woran man ihn erkennt, ist nicht der biologische Körper, sondern das Wesen, das sich in diesem Körper offenbart. Irgendwann nach dem gemeinsamen Essen, dem Abendmahl, verschwindet Jesus dann wieder, verschwindet also gewissermaßen wieder diese Wahrnehmung, dass dort etwas Geistiges oder Seelisches anwesend war, das über das rein Biologische hinausgeht. Der Mann, mit welchem die Emmausjünger gerade am Tisch sitzen, bräuchte sich dieser Vorstellung nach also nicht plötzlich einfach so in Luft aufgelöst haben, sondern nur das Geistige, das sich in ihm zeigt, die Seele, also das, was Jesus ausmacht, könnte sich wieder zurückgezogen haben in seinen Urgrund, zurück in die platonische Weltseele oder nach christlicher Vorstellung in die göttliche Seele, den göttlichen Geist.

Monismus und Gebet

Wenn man also von einem geistigen Monismus ausgeht, lässt sich das menschliche Bewusstsein viel leichter erklären und zudem tritt die Gottesfrage plötzlich viel näher, als viele Menschen es in unserer Zeit erstmal vermuten würden. Denn dieser philosophischen und auch theologischen Vorstellung nach wären wir gewissermaßen alle in Gott drin, weil alles, was existiert, etwas Geistiges wäre, Geist Gottes gewissermaßen.

Gebet beispielsweise würde in dieser Vorstellung eine ganz andere Dimension bekommen, wenn wir eben bereits eine Art Gedanke Gottes sind. Mit Gebet könnten wir dementsprechend direkt mit Gott kommunizieren und Gott, das geistige Prinzip, könnte direkt darauf reagieren. Das geht in einem materialistisch gedachten Monismus nicht, es geht aber in einem geistig gedachten Monismus einwandfrei. Der Glaube kann Berge versetzen, das sagte schon Jesus. Der Glaube kann viel bewegen, so predigte Jesus immer wieder. Wenn der geistige Monismus wahr wäre, dann hätte Jesus damit den Nagel auf den Kopf getroffen.

Der Mensch als Ebenbild Gottes ?

Und auch andere biblische Gedanken bekämen eine ganz andere Dimension. In der Genesis formt Gott den Menschen aus Lehm, haucht ihm dann aber den göttlichen Atem ein. Man könnte das so verstehen, dass ein winziger Teil der göttlichen Seele hier in den Menschen kommt, denn in der Genesis heißt es weiter, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild formte. Der Mensch ist nicht Gott, aber er hat etwas von Gott, nämlich das, was ihn als Mensch ausmacht, die Seele, das Geistige.

Und dieser Vorstellung nach bekommt es auch eine ganz andere Dimension, wenn Jesus sagt, das, was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, also das, was ihr euren Mitmenschen angetan habt, das habt ihr mir getan. In dieser Vorstellung nach wäre in jedem Menschen ein Fünkchen der göttlichen Seele, zwar unendlich viel kleiner als die göttliche Seele und Gott selbst, aber doch vom Wesen her ähnlich oder vielleicht sogar prinzipiell gleich.

Eine mögliche Lösung der Theodizeefrage

Auf diese Weise ließe sich auch die christliche Theodizeefrage klären und lösen. Die Frage lautet nämlich, wie es denn sein kann, dass Gott, der allmächtig und zugleich gnädig und gütig ist, das Leid in der Welt zulassen kann. Kann er es nicht verhindern? Dann wäre er nicht allmächtig. Will er es nicht verhindern? Dann wäre er nicht gültig.

Wenn nun aber in jedem Menschen ein Fünkchen der göttlichen Seele zu Hause wäre, dann wäre der Mensch zugleich seine eigener Richter.

Die menschliche Seele, die der göttlichen Seele entspringen würde, würde auf Erden womöglich in den Kategorien des menschlichen Gehirns denken. Aber das, was der Mensch auf Erden tut, könnte fortan Teil der göttlichen Seele bzw des göttlichen Geistes und der göttlichen Erinnerung sein. Freude wie auch Leid. Gräueltaten. Gott selbst und gewissermaßen alle Menschen, die ein winziges Teilchen der göttlichen Seele wären, müssten fortan mit dem Leid, das sie selbst verursacht hätten, in der göttlichen Weltseele existieren. Das Leid wäre also niemals vergessen, es wäre im Geistigen, in den Gedanken Gottes, in den Gedanken der menschlichen Seelen also auch, für immer vorhanden.

Allversöhnung ohne billige Gnade

Ein Hitler könnte sich nicht herausreden, sondern müsste ewig mit seiner Erinnerung leben, die er nun von einer anderen, objektiven göttlichen Warte aus betrachten müsste und die er auch aushalten müsste, obwohl er zugleich in der göttlichen Seele geborgen wäre. Einerseits Allversöhnung, andererseits kein Vergessen derjenigen Dinge, die man verbrochen hat. Er müsste fortan mit einer Spannung existieren, dass die göttliche Liebe ihn einerseits umfängt und aufnimmt, er aber all das Leid und die Gräueltaten, die er verursacht hatte, für immer im Gedächtnis hätte und vielleicht sogar auch fühlen würde und aus der Sicht des göttlichen Bewusstseins heraus schmerzhaft wahrnehmen müsste. Das wäre der Himmel und zugleich die Hölle. Es gäbe also keine billige Versöhnung.

Gnädiger, aber gerechter Gott

Gott wäre auf diese Weise einerseits gerecht, zugleich aber gnädig. So, wie wir ihn uns eigentlich vorstellen.

Ob diese Theorie, die ich hier skizziert habe, so stimmt? Wir wissen es nicht. Als Jesus einmal gefragt wird, wie es bei Gott bzw im Reich Gottes sei, äußert er sich diesbezüglich sehr zurückhaltend und sagt, es ist ganz anders, als ihr es euch vorstellen könnt.

Adam und Eva: Prototypen des Menschseins

Dennoch gehört es zum Wesen von uns Menschen, über Dinge nachzudenken. Dies kommt bereits in der Paradieserzählung der Genesis zum Ausdruck. Die beiden prototypischen Menschen, Adam und Eva, wollen sich Gedanken machen, sie können es nicht lassen, vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu kosten. Sie können fortan erkennen, das es das Gute und das Böse gibt, sie können sich Gedanken machen darüber, warum die Welt so ist, wie sie ist.

Durch diese Fähigkeit ist für sie gewissermaßen automatisch das Paradies zu Ende, aber sie haben auch eine gewisse Autonomie erlangt, die Gott ihnen zugesteht. In der biblischen Paradieserzählung ist es zwar Gott, der dafür sorgt, dass Adam und Eva, also gewissermaßen die Menschheit, den Zustand des Paradieses verlassen muss, Gott ist es aber auch, der den Menschen, Adam und Eva, Tierfelle gibt, damit sie überleben können. Der Mensch hat eine gewisse Autonomie und darf selbst Gedanken über die Welt, über Gott und über sein eigenes Wesen anstellen. Dies gesteht Gott ihm zu. Der Mensch ist somit keine Marionette Gottes, sondern ein Wesen, das ein eigenständiges Gegenüber zu Gott bilden kann. Der Mensch ist nicht Gott, aber er hat etwas Göttliches in sich, geschaffen zum Ebenbild Gottes.

Angefangen hatten wir diese Gedankengänge bei der Frage nach dem Bewusstsein. Und wir merken, wenn wir diesen Gedanken weiter denken, kommen wir möglicherweise bei einem geistigen Monismus heraus, der die Vorstellung, wie wir die Welt vielleicht bisher gesehen haben, doch ziemlich verändern könnte. Um das Rätsel des Bewusstseins vielleicht lösen und diesbezüglich eine umfassende Theorie entwickeln zu können, müssen sicherlich Naturwissenschaft und Philosophie, vielleicht sogar auch die Theologie, zusammen auf die Suche gehen.

Noch ein Gedanke zum Schluss. Seit wir im Verlauf dieses Artikels über den Monismus geredet haben, war immer die Rede von dem Geistigen. Das wirkt auf manchen vielleicht so, als bestehe alles nur aus Gedanken. Vielleicht ist das so.

Etwas deutlicher könnte das Prinzip aber werden, wenn man nicht von dem Geistigen spricht, sondern von dem Einen, von der einen Substanz, aus der alles besteht.

Diese könnte sowohl geistig als auch materiell in Erscheinung treten. Denken wir an Heisenbergs Unschärferelation. Je nachdem, ob gemessen wird oder nicht, zeigt sich ein Teilchen immateriell als Welle oder materiell als Teilchen.

Die eine Substanz zeigt sich also einmal immateriell und einmal materiell, zugrunde liegt aber ein und dieselbe eine Substanz. Alles geht auf das Eine zurück. Alles ist in dem Einen, aus dem heraus es sich auf verschiedene Arten zeigen kann.

2 Gedanken zu “Theorien zum Bewusstsein. Naturwissenschaft, Philosophie, Theologie.

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